Vorbilder – weibliche Identifikationsmodelle

Die  Atelier-Fotografin.
Ein Frauenberuf im 19. Jhr. zwischen Modeerscheinung und Profession.

Das ist der Titel meiner Diplomarbeit, die ich genau vor 18 Jahren – im November 1995 – abgegeben habe.
In lockerer Folge möchte ich an dieser Stelle aus dieser Arbeit zitieren und etwas zu meinen Vorbildern schreiben.

Dies ist das Selbstporträt einer Fotografin – Frances Benjamin Johnston – aus dem Jahre 1896. Es ist sehr provokant, denn sie stellt sich rauchend und Alkohol trinkend dar und sie zeigt ihren Unterrock.

Foto

Und dies ist ein Teil meiner Widmung:

2111

Selbst
1965 – Ein Selbstporträt von mir, mit meiner ersten Kamera, vor dem Spiegel im Schlafzimmer meiner Eltern

Die Fotografie zieht sich wie ein roter Faden durch meine Biographie. Als Kind war ich das Motiv meiner fotografierenden Mutter; später bekam ich eine eigene Kamera und legte 1968 meine Gesellenprüfung als Fotografin ab. Zwanzig Jahre später begann ich Kommunikationsdesign zu studieren. Im gleichen Jahr ist ein Bild von mir Teil der Ausstellung „STERN -Bilder, 40 Jahre Zeitgeschehen – 40 Jahre Fotojournalismus“, und ich nehme an der Ausstellung »Düsseldorfer Fotografinnen« als eine von zwanzig Fotografinnen teil.
Da Namen von Fotografinnen oder Nachrichten über ihr Leben und ihre Arbeiten nicht Gegenstand meiner handwerklichen Berufsausbildung waren, wundert es nicht, daß Fotografen wie Robert Capa und Henri Cartier-Bresson zu den Vorbildern meines beruflichen Selbstverständnisses wurden, um nur zwei von vielen zu nennen.
Beeinflußt durch die neuere deutsche Frauenbewegung – den Begriff ››Frauenbewegung« möchte ich verstanden wissen als Bestrebungen, Initiativen und organisiertes Vorgehen von Frauen zur Durchsetzung ihrer politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Rechte – begab ich mich auf die Suche nach weiblichen Identifikationsmodellen und mußte feststellen, daß Fotografinnen in der herrschenden Fotografie-Geschichtsschreibung nur marginal vorkommen oder nur unzureichend erwähnt werden.
Die einzigen Frauen, die im Zusammenhang mit der Frühgeschichte der Fotografie erwähnt werden, sind die Chinesin Huang Lu und die Deutsche Friederike Wilhelmine von Wunsch.
Letztere gab schon 1839 bekannt, daß sie ein leicht lichtempfindliches Material entwickelt habe, das sich zur Verfertigung von Portraits eignen würde. In der Fotografie-Geschichtsschreihung wird sie für „publizitätswütig“ oder sogar „verrückt“ gehalten, obwohl Wissenschaftler und Erfinder im allgemeinen als Tüftler und Sonderlinge gelten, wird dies Frauen nicht zugestanden.

Zugestehen kann ich, daß es sich beim Verschweigen der Frauen und ihrer Leistungen nicht um ein bewußtes Vorgehen handelt, sondern um gängige Oligatorik der maskulinen Personalpronomina, auch wenn ein Auszug aus einer Bibliografie der deutschsprachigen Publikationen zum Thema Fotografiegeschichte folgende These plausibel erscheinen läßt:

Das Geschlecht ist das zentrale Strukturelement unserer Kultur und der männliche Blick auf die Welt ist Ausdruck dieser patriarchalen Struktur“ – Brigitte Armbruster,1991 Weiterlesen