Routine versus Gelassenheit – Nähe und Distanz

Gestern habe ich gehadert mit der Routine, die sich bei mir einstellt.
Anstatt mich darüber zu freuen, machte sie mich unzufrieden.
Routine birgt für mich die Gefahr der Langeweile, sie ist jedoch in erster Linie eine Art Schutz, der sich zwischen mir und dem Kunden vor meiner Kamera aufbaut und mir zu einer Distanz verhilft, die im Grunde hilfreich und gut ist – begreife ich so langsam.

Die Distanz verhindert, dass ich zu viel Nähe zulasse.
Bei einem Fotoshooting schwanke ich grundsätzlich immer zwischen Nähe und Distanz hin und her, was mental anstrengend ist, manchmal sogar sehr. Die Nähe zu der Person vor meiner Kamera ist notwendig, um dem Portrait die nötige „Echtheit“ zu geben, die Distanz, um das Handwerk auszuüben. Wenn der Kunde/die Kundin mein Studio verlässt, ist in d.R. diese nahe Verbindung zwischen uns erst einmal zu Ende. Das ermöglicht mir Erholung, damit ich mich auf das nächste Shooting vorbereiten kann, bei dem ich wieder versuchen werde, die Person vor meiner Kamera zu ergründen, um sie zu portraitieren.
Ich bin also bei jedem Shooting darum bemüht, ein gutes Foto, mein bestes Foto zu machen, dazu brauche ich die Nähe zu der Person vor meiner Kamera.
Es kann jedoch auch zuviel Nähe entstehen.
Was heißt das?

Wenn z. B. bei einem Familien-Shooting der Vater lautstark ausrastet und seine Kinder und seine Frau anschnauzt, aus einem für mich nicht zu erkennenden Grund, dann kann es passieren, dass ich mich betroffen – auch angeschnauzt  – fühle, weil der Vater, durch sein Verhalten, für mich eine Grenze überschritten hat.
Ich denke, hätte ich mehr Routine, dann hätte ich die Distanz die ich bräuchte um dem Vater Grenzen aufzuzeigen, denn dies ist mein Studio und hier wird nur geschnauzt, wenn ich damit einverstanden bin.
Soweit ist das klar, oder?

Als sensibler Mensch muss ich mich davor schützen, das meine Grenzen überschritten werden und eine Nähe entsteht, die für mich ungesund ist.
Ich brauche also Grenzen, die mich emotional schützen. Sie dürfen jedoch nicht die Nähe verhindern, die ich bei meiner Arbeit brauche – eine nicht leichte Gratwanderung.
Während einer Fotosession schaffe ich in der Regel diese Gratwanderung gut, hängt doch die Qualität meiner Portraits von meiner Fähigkeit zur Nähe ab.
Als ein Kunde mir als Grund für die Fotosession erzählte, dass er nicht mehr lange zu leben hätte, hat mich meine Routine diese ungewöhnliche Situation überstehen lassen.
Sowas meine ich, wenn ich davon spreche, dass Routine auch Schutz bedeuten kann.
Darum sehe ich die Routine als meinen Freund und nicht mehr als Gefahr an – ein Fortschritt.

Gefragt nach meinem Lieblingsbild würde auch ich antworten: „Das, das ich morgen machen werde.” Dieses Zitat wird Imogen Cunningham zugesprochen. Es ist simpel und tiefsinnig zugleich. Es spiegelt den unstillbaren Hunger nach einem noch besseren Foto wieder, der auch mich antreibt.
Ich greife immer wieder erneut zur Kamera, auf der Suche nach dem einen perfekten Foto!

Imogen Cunningham
Die US-amerikanische Fotografin, die zu den „Klassikern“ der modernen Fotografie des 20. Jahrhunderts gezählt wird, zog mit ihrer Familie nach San Francisco, wo sie Edward Weston kennenlernte. 1932 gründete sie zusammen mit Ansel Adams, John Paul Edwards, Sonya Noskowiak, Henry Swift, Willard van Dyke und Edward Weston die Gruppe f/64, die sich recht dogmatisch für eine Fotografie einsetzte, die durch größtmögliche Schärfentiefe (symbolisiert durch den Namen der Gruppe, der eine sehr kleine Blendenöffnung anzeigt) und maximale Detailgenauigkeit gekennzeichnet war.

Mir ist diese Fotografin sehr sympathisch, ich hätte sie gerne mal persönlich getroffen.

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Sonya Noskowiak  – 25. 11. 1900  – 28. 04. 1975
In Leipzig geboren begann sie ihre Karriere 1929 in Johan Hagemeyers Studio in Los Angeles; wenig später arbeitete sie für Edward Weston, mit dem sie zwischen 1929 und 1934 zusammenlebte.

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Sonya Noskowiak, ca 1931 -by Imogen Cunningham

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