Sonntag ist …

… und damit Zeit für’s denken.

Turn around

Ja, das ist die Metaüberschrift über den letzten Wochen.
Meine These ist, wenn ich so weitermache wie bisher und erwarte, dass sich etwas ändert, liege ich ziemlich falsch. Nur, wenn ich meine Handlungen verändere, kann ich erwarten, dass sich insgesamt etwas verändert.
In meinem Fall heißt das ganz konkret, dass ich damit anfangen muss mich und meine Arbeit wirklich wertzuschätzen. Nun fragst Du Dich sicher, wie ich darauf komme, dass ich dies nicht tue und ich frage mich, wie ich Dir das nun verständlich erkläre, lass es mich versuchen.

Auf das Problem aufmerksam geworden – letztendlich – bin ich durch Sue Bryce. Sie spricht in ihrem „Education Program – dem ich zur Zeit aufmerksam lausche –  sehr viel darüber. Sie spricht von Angst und Scham, wenn es darum geht meine Arbeit zu „verkaufen“. Ich dachte immer, es läge daran, dass ich meine Arbeit ja nicht als Arbeit empfinde und darum Probleme damit hätte dafür Geld zu verlangen.
Nee, es ist nicht so. Sondern ein Teil in mir denkt – das ist nun ziemlich offensichtlich – dass meine Arbeit und ich es nicht wert sind, Geld zu bekommen, es nicht verdiene, das Geld, meine Arbeit und ich.

Wenn ich gegenüber einem Kunden meine Preise nenne, empfinde ich eine Mischung aus Angst und Scham. Wenn du freiberuflich bist und Deine kreative Arbeit verkaufst, spüre mal in Dich hinein, wie es Dir dabei geht, wenn es ansteht den Preis zu nennen, den Du dafür haben willst, na?

Sue Bryce ist eine australische Portraitfotografin, die in LA ein Fotostudio hat und Online ein umfangreiches Fortbildungsprogramm für FotografInnen anbietet. Mir ist sie schon vor Jahren aufgefallen und ich habe mir Videos von ihr angesehen. Mein Problem mit ihr war, dass sie englisch mit einem australischen Akzent spricht und, dass ihr fotografischer Stil nicht der meine ist und ich ihre Posinganleitugen nicht nachvollziehe. Nun habe ich, online, eine Fotografin getroffen, die ein paar Jahre in den USA gelebt und sich mit Sue Bryce weitergebildet hat und mir erzählte, dass das Businessmodell, das SB entwickelt hat, funktioniert, für sie hat es funktioniert. Das hat mich nachdenklich gemacht und mir ist ein weiterer Grund eingefallen, warum ich vor Jahren aufgehört hatte die Ideen von SB, die mir gefallen hatten, in meinem Business umzusetzen: Ich habe mir nicht geglaubt, dass ich sie wirklich verstehe.
Warum das nun wieder?

Ich bin Legasthenikerin und galt in meiner Schulzeit nicht gerade als intelligent. Damals wusste kein Mensch, woher meine Lese- und Rechtschreibschwäche kam und das so etwas nichts mit Intelligenz zu tun hat. Somit bekam ich nie die Chance, eine andere Schule zu besuchen, als die 8 Klassen Volksschule in meiner Heimatstadt. Meinem Berufswunsch Fotografin zu werden wurde auch darum entsprochen, weil meine Familie eine andere Berufswahl für ausgeschlossen hielt. Neulich, ich hatte gerade die Broschüre „Personal Brandung“ veröffentlicht, habe ich mich wieder an Gefühle erinnert, die ich aushalten musste, als ich den Immatrikulationsbescheid in Händen hielt.
Ich hatte jahrelang darauf hin gearbeitet und gewartet, mehrere Prüfungen bestanden, es endlich geschafft und nun war es soweit, ich war eingeschriebene Studentin für das Studium Kommunikationsdesign, an der Universität in Essen. Doch ich konnte die Gefühlsgemengelage unbekannten Ausmaßes und Inhalt kaum aushalten. Rückblickend denke ich, es waren damals Gefühl von Scham und Angst.
Denn, stand mir das zu?
Mir?
Durfte das sein?
Das sich meine Wünsche erfüllten? Als dann die Abschlussprüfungen am Ende des Studiums anstanden, hatte ich oft das Gefühl „ertappt“ zu werden. Hatte die Angst, dass Jemand kommt und mich rausschmeißt, weil ich ja nicht berechtigt war dort zu sein, usw. Weil ich bestimmt keine Ahnung von dem hatte, was hier verlangt wurde und nur so tat, als wenn ich etwas wüsste. Ja, Scham und Angst waren die mich beherrschenden Gefühle. Heute bin ich stolz darauf Akademikerin und Fotografengesellin zu sein, denn ich habe auch einen Gesellenbrief. Für mein Studium bekam ich ein Begabtenstipendium und dieses ermöglichte mir auch einen längeren Aufenthalt in den USA. Dort habe ich Englisch gelernt. Mir fehlt es ganz eindeutig an der Praxis diese Sprache zu sprechen. Ich sehe mir ab und an Serien im Original an, und lese Texte auf englisch – online – doch erst seit dem ich mir diese Videos von SB ansehe und sie verstehe, bin ich ziemlich überrascht davon, dass ich offensichtlich doch englisch verstehen kann – eigenartig oder?
Meine nicht vorhandene Wertschätzung von mir selber hat mir eingeredet, dass ich ja nichts bin und nichts kann und ich habe das geglaubt, also konnte ich ja kein Englisch verstehen – wie auch?
Wenn ich in der Vergangenheit über dieses Phänomen nachdachte, war ich oft der Meinung, es gäbe einen Zusammenhang zu dem frühkindlichen Missbrauch, den ich erfahren habe. Kann sein doch, das darf heute nicht mehr relevant sein, wenn es darum geht, meine Arbeit zu verkaufen, oder mich und meine Arbeit wertzuschätzen, mich selber zu lieben und für einen wertvollen Menschen zu erachten. Nicht, weil ich etwas besonderes leiste, sondern weil ich …

… ein Mensch bin.

Ich verdiene es, ich bin ein wertvoller Mensch, ich liebe mich. Wie schwer ist es, das hier aufzuschreiben. Wenn ich einen Schritt zurücktrete, spüre ich wieder diesen Kloß im Hals.
Ich bin etwas wert?
Meine Arbeit ist etwas wert?
Ich bin es wert geliebt zu werden?

Es gibt ja keine Zufälle, sondern mir fallen Dinge zu, weil es an der Zeit ist und ich aufmerksam genug bin um es als so etwas auch wahrzunehmen. In einer andere OnlineGruppe, in der ich bin, wurde ich auf ein Buch aufmerksam gemacht: Kompass für die Seele. Ein sehr dickes Taschenbuch. Darin geht es u.a. um Gefühle, die mich daran hindern erfolgreich zu sein. Es geht darum, der Angst positive Gefühle entgegenzusetzen. Zitat:
Die Dinge, vor denen wir am meisten Angst haben, ermöglichen uns die größte Befreiung  und das größte Wachstum.“ Ich habe es noch nicht ganz durchgearbeitet, doch es scheint genau auf den Punkt um mein Problem zu gehen.

Seit Jahren gibt es Menschen, die mir sagen, dass ich meine Arbeit verscherbele: Sie meinen, ich wäre zu billig. Ich denke, das habe ich nun eingesehen.
Ich bin eingeladen worden, ein Teil einer Mastermindgruppe im Internet zu sein. Da finden sich Frauen zusammen, die alle das gleiche Ziel haben: Von Ihrer Selbständigkeit zu leben. Diese Gruppe ist gerade sehr hilfreich für mich, weil mich die Frauen dort unterstützen und bestärken, in all dem, was ich gerade verändere …

… und das ist eine ganze Menge.

Geld ist eine Form von Energie. Meine Arbeiten sind Energie. Wenn ich mir wünsche, dass ich im Austausch zu meiner Arbeit die Menge an Energie erhalte, die der Arbeite entspricht, so ist das wohl nur fair. Es geht also bei meiner  Veränderung auch um eine Erhöhung der Preise für meine Arbeit. Dies nicht nur, weil es notwendig ist, denn meine Kosten sind enorm und ich bin in manchen Monaten umsatzmäßig nicht einmal kostendeckend, sondern auch, weil ich meine Arbeit wertgeschätzt wissen möchte und es nicht sein kann, dass ich mehr Energie rausgebe, als ich zurückbekomme. Das führt unweigerlich in einen burnout.

Dann geht es um Positionierung und darum, was eigentlich das Produkt ist, das ich verkaufe. Bisher dachte ich immer, dass die Zeit des Shootings meine kreative Leistung ist. Nun denke ich darüber nach, ob nicht die fertige Fotografie, die ich an den Kunden verkaufe, mein Produkt ist.

Dazu hatte ich gerade gestern zwei interessante Kundenbegegnungen. Die erste war eine Familie, die ich seit der ersten Schwangerschaft kenne. Gestern waren die Familie  zum Babybauchshooting für das zweite Kind in meinem Studio. Die Kundin erzählte mir, wie Recht ich doch hätte, und meine Schwarz-Weiß Portraits tatsächlich zeitlos schön wären. Sie genieße es jeden Tag, sich die Wandbilder von ihrem ersten Kind als Baby anzusehen, die in ihrer Wohnung hängen.
Der Kunde danach war ein Bewerbungsshooting. Dieser Kunde war vor 5 Jahren schon mal bei mir und berichtete mir, dass er damals, aufgrund dieses Fotos, 3 sehr verlockende Angebote erhalten hätte. Nun will er sich wieder beruflich neu orientieren und braucht ein neues Foto.

Es war fast so, als wenn diese Kunden sich abgesprochen hätten. Anstatt dass ich in dieser Anerkennung bade und sie genieße, frage ich mich, ob das neue Bewerbungsfoto qualitativ seinen Ansprüchen genügen wird? Ob ich wirklich alles gegeben habe? Und ob ich tatsächlich das Familienfoto gemacht habe, das der Familie gefallen wird.
Tja, so ticke ich.
Es wird eng in meinem Hals, wenn ich das aufschreibe und ich spüre ganz deutlich, ich bin noch weit davon entfernt meine Arbeit und mich für berechtigt zu halten, höhere Preise zu nehmen, als ich bisher nehme. Doch wenn das so ist, dann wird das auch nicht funktionieren, das mit den höheren Preisen, meine ich.

Was muss, was kann ich also tun?

Jetzt werde ich erst einmal, mit meinen Mädels, eine Runde durch den Wald drehen und hoffen, dass mir erleuchtende Gedanken kommen werden.


 

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