Pinhole – A posteriori

Tulpi
Nebel

Photographien sind materialisierte Weltwahrnehmungen. Das photographische Bild beruht anders als das gemalte nicht auf dem Weglassen, sondern auf dem Festhalten der Zufälligkeit des Wirklichen.
Heutige Photographien entstehen mit moderner, zuverlässiger Hochleistungstechnik im Bruchteil einer Sekunde. Es ist mein Unterbewußtsein, das mich, im Kontext mit meinen handwerklichen Fähigkeiten, veranlasste genau in diesem Moment auf den Auslöser zu drücken – und nicht etwa den Bruchteil einer Sekunde früher oder später. Erst nach der Entwicklung der belichteten Filme vermag ich die entstandene Arbeit rational zu kontrollieren. Erst dann kann ich feststellen welches meiner Fotos, meiner unbewußten Bildvision am meisten entspricht.Sind meine Photographien somit Kombinationen meiner unkontrollierbaren Innenwelt und der Zufälligkeiten der Außenwelt?

In einer Zeit, in der die photographierende Welt nur noch ein Thema hat: die Digitale Fotografie, scheint es entweder anachronistisch solche Gedanken zu formulieren oder als ein Akt der Verweigerung gegenüber den unglaublichen Möglichkeiten dieser Technik. Doch, wenn ich davon ausgehe, daß ich als fotografierender Mensch, danach trachte, ein Bild in der Wirklichkeit zu suchen, das ich unbewußt in mir trage, dann ist es für mich der richtige Zeitpunkt sich auf die Urform der Kamera zu besinnen: die Camera obscura.

Da ich die Digitale Fotografie keineswegs ablehne und ein Interesse daran habe, schnell einen Abzug in der Hand zu haben, macht es für mich Sinn die Ergebnisse meiner Arbeit einzuscannen, am Computer die Farbigkeit und den Kontrast – und nur das – der 6×9 Dias oder Farbnegative zu bearbeitet und mittels eines Tintenstrahldruckers auszudrucken.

Die Arbeit mit der Camera obscura ist folglich für mich nicht ein Akt der Ablehnung oder eine nostalgische Spielerei, eher die Suche nach einem neuen, fotografischen Ausdruck meiner Weltsicht. Nicht die Kamera oder die jeweiligen technischen Möglichkeiten bestimmen ein Bild, sondern meine Vorstellung, meine inneren Bilder von der Wirklichkeit bestimmen die Wahl der Technik, die Wahl der Kamera.
Die Arbeit mit diesem Pappkarton im Prinzip einer Camera obscura hat mich wieder einmal anders sehen gelehrt. Hat mich gelehrt, die mich umgebende Welt und meine Innenwelt anders als bisher wahrzunehmen.

Somit ist die Arbeit mit der Camera obscura eine neue Wirklichkeitserfahrung und sind die Ergebnisse für mich deren materialisierte Entsprechung.

Düsseldorf, im März 1999

Tisch
Duisburg7

Duisburg4
Duisburg1

 

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