30 Grad und ein KI-Prompt
Bei diesen Temperaturen bin ich nicht wirklich in der Lage, etwas Produktives zu tun. Ich bin 76 Jahre alt und habe diverse gesundheitliche Baustellen. Im Alltag kann ich damit gut leben, doch bei den momentanen Temperaturen stoße ich an eine Grenze meiner Belastbarkeit. Also lege ich die Beine hoch und chille. Ich schaue mir Fernsehserien an, die ich schon kenne und die deshalb keine besondere Aufmerksamkeit verlangen. Ich lasse mir Hörbücher vorlesen, blättere in Fotozeitschriften und surfe auf Instagram.
Gestern Abend stolperte ich dort über einen Prompt.
Ein Prompt ist im Grunde eine Aufforderung an eine KI, etwas Bestimmtes zu tun. Das Wort stammt aus dem Englischen. To prompt bedeutet so viel wie: anregen, veranlassen, einen Impuls geben. Ein Prompt ist also nicht die Antwort, sondern die Frage, Anweisung oder Aufgabenbeschreibung, mit der man die KI in eine bestimmte Richtung lenkt. Je genauer ein Prompt formuliert ist, desto zielgerichteter kann eine KI arbeiten. Viele glauben, ein Prompt sei einfach eine Frage. Tatsächlich kann er sehr viel mehr sein. Er kann eine Aufgabe formulieren, eine Rolle vergeben („Du bist Kunsthistoriker …“), den gewünschten Stil beschreiben, Quellen vorgeben, den Umfang festlegen und Einschränkungen enthalten. Ein guter Prompt ist deshalb eher mit einem präzisen Arbeitsauftrag vergleichbar.
Oft wird so getan, als sei der Prompt das Entscheidende. Ich sehe das etwas anders. Der Prompt öffnet eine Tür. Aber was dahinter entsteht, hängt davon ab, welche Quellen zur Verfügung stehen, wie sorgfältig recherchiert wird, welche Rückfragen gestellt werden, wie kritisch Ergebnisse geprüft werden und wie gut Mensch und KI gemeinsam denken. Den Prompt, den ich entdeckt hatte, habe ich leicht auf mein Interesse angepasst:
„Recherchiere öffentlich zugängliche Informationen über mich im Internet. Suche nach meinem Namen, meinen bekannten E-Mail-Adressen, Benutzernamen und – soweit bekannt – meinen Websites. Identifiziere Personensuchmaschinen, Datenbroker und öffentliche Verzeichnisse, in denen meine personenbezogenen Daten erscheinen könnten. Kennzeichne ausdrücklich, welche Seiten tatsächlich gefunden wurden und welche lediglich bekannte Datenbroker sind, bei denen keine Übereinstimmung festgestellt werden konnte. Gib nichts als gefunden aus, was du nicht verifizieren kannst.“
Das Ergebnis dieser Suche hat mich überrascht. Ganz oben standen erwartungsgemäß meine eigenen Webseiten, mein Instagram-, Flickr- und YouTube-Account, dazu Einträge in berufsbezogenen Plattformen und mein Podcast. Interessanter wurde es, als Bibliothekskataloge auftauchten, mein Buch BESTANDTEIL antiquarisch bei Amazon angeboten wurde, Hinweise auf Ausstellungen, Crowdfunding-Projekte und meine Arbeiten zur Pinholefotografie erschienen. So ist unter anderem meine Diplomarbeit im Meta-Katalog des i.d.a.-Dachverbands im Archiv der deutschen Frauenbewegung in Kassel nachgewiesen. Richtig spannend wurde es, als ich auf den Wikipedia-Artikel über die Düsseldorfer Atelierfotografin Laura Lasinsky stieß. Dort wird meine Diplomarbeit ausdrücklich als Literatur genannt:
Beate Knappe: Die Atelier-Fotografin. Ein Frauenberuf im 19. Jahrhundert – zwischen Modeerscheinung und Profession.
Diese Diplomarbeit wurde bereits 1996 in der Rubrik „Forschungen“ der renommierten Zeitschrift Fotogeschichte vorgestellt. Fotogeschichte gehört seit Jahrzehnten zu den wichtigsten wissenschaftlichen Fachzeitschriften zur Geschichte der Fotografie im deutschsprachigen Raum. Dass meine Arbeit dort aufgenommen wurde, bedeutet: Sie wurde von der Fachredaktion als wissenschaftlich relevant angesehen. Sie wurde Teil der Fachliteratur und ist dauerhaft zitierfähig.
1995 war die Geschichte der Fotografinnen des 19. Jahrhunderts noch ein vergleichsweise kleines Forschungsfeld. Heute existieren zahlreiche Dissertationen und Monografien dazu. Meine Arbeit entstand zu einem Zeitpunkt, als vieles davon noch kaum erforscht war. Es gibt also tatsächlich einen wissenschaftlichen Fußabdruck von mir im Netz.
Doch wirklich berührt hat mich etwas anderes. 2026 erschien die Dissertation „Beruf, Blick und Bild. Eine Professionsgeschichte der Fotografin“ von Nathalie Dimic als Buch. Die Autorin hat über Jahre Archive ausgewertet und den Forschungsstand systematisch aufgearbeitet. Dabei verweist sie mehrfach auf meine Diplomarbeit. Sinngemäß schreibt sie, dass ich die Frauenfrage in der Berufsfotografie des 19. Jahrhunderts untersucht und die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Düsseldorfer Atelierfotografin Laura Lasinsky rekonstruiert habe. Wenige Seiten später zählt sie meine Arbeit ausdrücklich zu den Veröffentlichungen, die „wichtige Impulse zur Professionsgeschichte“ gegeben hätten. Das bedeutet mehr, als nur bibliografisch erwähnt zu werden. Sie hat meine Arbeit gelesen. Fast drei Jahrzehnte nach ihrer Entstehung wird sie noch immer als relevante Quelle herangezogen.
Ich hatte meine Diplomarbeit immer als Abschluss meines Studiums betrachtet. Erst jetzt erkenne ich, dass sie für andere zum Ausgangspunkt weiterer Forschung geworden ist. Dieser Gedanke verändert meinen Blick auf diese Arbeit grundlegend.
Ich habe zu einem Thema gearbeitet, lange bevor es selbstverständlich geworden ist. Das macht meine Arbeit nicht nur biografisch bedeutsam, sondern möglicherweise auch wissenschaftshistorisch.
In den vergangenen Monaten habe ich bei der Arbeit an meinem Archiv den roten Faden meines fotografischen Werkes entdeckt: „Frau zu sein, ist meine Lebenswirklichkeit.“
War dieser rote Faden vielleicht schon in meiner Diplomarbeit angelegt?
Nicht in dieser Formulierung, wohl aber in der Haltung.
Mich interessierten nicht nur Fotografien. Mich interessierten die Frauen, die sie machten. Ihre berufliche Selbstständigkeit, ihre Handlungsspielräume. Wenn das stimmt, dann war meine Diplomarbeit kein Seitenzweig meiner Biografie. Sie gehörte von Anfang an zu derselben Fragestellung, die später auch mein fotografisches Werk getragen hat.
Was mich zugleich erschüttert, ist, wie wenig Wertschätzung ich meiner eigenen Arbeit lange entgegengebracht habe.
Damals hatte ich niemanden, mit dem ich mein Thema wirklich diskutieren konnte. Eine theoretische Diplomarbeit war an meiner Hochschule eher die Ausnahme. Ich musste warten, bis überhaupt ein entsprechender Lehrstuhl eingerichtet wurde. Die Professorin, die schließlich berufen wurde, war wenig begeistert, dass ich mein Thema bereits gefunden hatte. Unterstützung bekam ich keine. Dennoch ließ ich mich nicht entmutigen.
Heute erkenne ich darin vielleicht etwas, das ich inzwischen als Hyperfokus beschreiben würde.
Worum ging es mir damals eigentlich?
Lange dachte ich, ich hätte die theoretische Arbeit gewählt, weil ich mich fotografisch nicht zeigen wollte. Heute glaube ich etwas anderes: Mich beschäftigte die Tatsache, dass Fotografinnen in der Geschichtsschreibung der Fotografie kaum vorkamen. Ich wollte verstehen, warum das so war.
Es ging mir um Sichtbarkeit.
Der Prompt hat keine Wahrheit erzeugt. Er hat lediglich Spuren sichtbar gemacht, die längst vorhanden waren. Die eigentliche Entdeckung war nicht die Recherche im Netz. Sie bestand darin, zu erkennen, dass meine wissenschaftliche Arbeit und mein fotografisches Werk von Anfang an derselben Frage gefolgt sind:
Wie werden Frauen sichtbar?