Es ist unerträglich heiß. Nachts ist es unmöglich, in den Schlaf zu finden. Vielleicht ist das die beste Zeit, um zu recherchieren.
So bin ich auf Daisy Fancourt gestoßen. Sie gehört zu den international führenden Wissenschaftlerinnen im Forschungsfeld Arts and Health. Als Gesundheitswissenschaftlerin untersucht sie die Zusammenhänge zwischen Kunst, sozialem Verhalten und Gesundheit. Federführend war sie außerdem an der evidenzbasierten Aufarbeitung der Forschung zu Kunst und Gesundheit für die World Health Organization beteiligt.
Dabei meint „Kunst“ weit mehr als Malerei oder Fotografie. Dazu gehören ebenso Schreiben, Musizieren, Tanzen, Singen, Theater, kreatives Gestalten, Literatur sowie der Besuch von Museen und Ausstellungen. Das erinnert mich sofort daran, was der Besuch einer Ausstellung jedes Mal mit mir macht. Fancourt beschreibt Kunst als eine Tätigkeit, die den Menschen auf mehreren Ebenen gleichzeitig anspricht. Beim kreativen Arbeiten entsteht nicht nur ein Werk – es verändert sich auch der Mensch, der dieses Werk schafft.
Genau das beschäftigt mich seit Monaten. Während ich meine Autobiografie schrieb und aktuell mein fotografisches Archiv ordne, spüre ich immer deutlicher, dass diese Arbeit weit mehr ist als Dokumentation. Es öffnen sich immer wieder Erkenntnisräume. Erinnerungen verbinden sich neu, Zusammenhänge werden sichtbar, und ich beginne, meine eigene Geschichte anders zu verstehen. Mein Archiv ist kein Lagerraum der Vergangenheit. Mein Schreiben ist keine bloße Dokumentation. Meine Fotografien sind nicht nur Erinnerungsstücke. Zusammen bilden sie einen Prozess, in dem meine Identität immer wieder neu entsteht.
Was mich so fasziniert, ist die Erkenntnis, dass meine sehr persönlichen Erfahrungen inzwischen wissenschaftlich beschrieben und durch tausende Studien gestützt werden. Autobiografisches Schreiben kann Identität stabilisieren und neu organisieren. Die Beschäftigung mit dem eigenen fotografischen Werk unterstützt Erinnern, Selbstvergewisserung und Sinnbildung. Fancourts Forschung zeigt darüber hinaus, dass regelmäßige künstlerische Aktivitäten Stresshormone senken, den Blutdruck günstig beeinflussen, das Immunsystem unterstützen und Schmerzen erträglicher machen können. Kreative Tätigkeiten fördern Sinn, Hoffnung, Selbstwirksamkeit und emotionale Verarbeitung. Gerade beim Schreiben, Fotografieren oder Musizieren lassen sich schwierige Erfahrungen bearbeiten, ohne sie verdrängen zu müssen. Diese Wirkungen sind nicht bloß subjektive Eindrücke. Viele von ihnen lassen sich heute biologisch und psychologisch nachweisen.
Vielleicht ist das der Satz, der mich am tiefsten berührt: Kreativität verändert nicht nur das Werk. Sie verändert den Menschen, der das Werk schafft. Ich glaube, genau das geschieht gerade mit mir.
Was wäre, wenn wir Kunst nicht länger als Luxus betrachteten, sondern als etwas, das uns hilft, gesund zu bleiben, unser Leben zu verstehen und zu dem Menschen zu werden, der wir sind?
Während ich das alles schreibe und lese, muss ich an meinen Besuch im Berliner Museum für Fotografie denken, an die Ausstellung über die Bauhaus-Fotografinnen. In der Ausstellung werden 29 Bauhaus-Fotografinnen und vier Fotografinnen des New Bauhaus in Chicago vorgestellt* – Frauen, deren Arbeiten die Fotografie des 20. Jahrhunderts mitgeprägt haben. Darunter Gertrud Arndt, Lucia Moholy, Florence Henri und Grete Stern. Sie waren weit mehr als Frauen, die fotografierten.
Gleich zu Beginn dieser Ausstellung geht es um das Thema Selbstportrait. Die Selbstportraits dieser Fotografinnen erzählen nicht nur davon, wie sie aussahen. Sie nutzten die Kamera, um sich selbst und ihre Welt zu erforschen. Sie wurden zu einer Form des Denkens, des Suchens und der Selbstvergewisserung. Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem sich die Gedanken von Daisy Fancourt und die Geschichte der Fotografie berühren. Denn wenn Fancourt beschreibt, dass kreatives Arbeiten Identität formt, Erfahrungen integriert und Menschen hilft, ihre Lebensgeschichte zu verstehen, dann sehe ich plötzlich viele Fotografien mit anderen Augen. Die Bilder der Bauhaus-Fotografinnen erscheinen nicht mehr nur als bedeutende Werke der Moderne. Sie werden zu sichtbaren Spuren eines inneren Prozesses. Und ich erkenne darin etwas wieder, das mich seit Monaten beschäftigt.
Je intensiver ich mein eigenes fotografisches Werk archiviere, ordne und beschreibe, desto deutlicher verändert sich auch mein Blick auf mein eigenes Leben. Ich entdecke Zusammenhänge, die ich früher nicht gesehen habe. Fotografien, die jahrzehntelang einfach Fotos waren, werden zu Bausteinen einer Lebensgeschichte. Vielleicht ist genau das die eigentliche Kraft von Kunst: Sie bewahrt nicht nur Erinnerungen. Sie verändert die Erinnerung – und mit ihr den Menschen, der sich erinnert. Ich sehe nun auch meine eigenen Selbstporträts nicht mehr als narzisstische Geste, sondern als ein künstlerisches Instrument der Selbstbefragung und der Selbstvergewisserung.
Dann habe ich mir die Biografien der in der Ausstellung vertretenen Fotografinnen noch einmal angesehen. Eine Einschränkung vorweg: Nicht von allen 29 Fotografinnen sind die Lebensdaten gleichermaßen gut dokumentiert. Einige – etwa Charlotte Grunert oder Grit Kallin-Fischer – sind bis heute nur fragmentarisch erforscht. Für die bekannteren Bauhaus-Fotografinnen liegen die Daten jedoch vollständig vor.
Wenn ich diese Gruppe betrachte, ergibt sich ein erstaunliches Bild: Zehn international bekannte Vertreterinnen dieser Gruppe erreichen ein Durchschnittsalter von rund 89,6 Jahren. Das liegt deutlich über der Lebenserwartung ihrer Generation. Frauen, die um 1895–1910 geboren wurden, erreichten im Durchschnitt keineswegs annähernd 90 Jahre – viele starben bereits in ihren 60ern oder 70ern. Vielleicht leben Fotografinnen nicht länger, weil sie fotografieren. Vielleicht fotografieren sie bis ins hohe Alter, weil die Fotografie ihnen hilft, mit dem Leben verbunden zu bleiben. Viele mussten emigrieren, Krieg, Vertreibung oder politische Verfolgung erleben. Dennoch haben sie ihre künstlerische Arbeit nicht aufgegeben. Vielleicht ist das die interessantere Gemeinsamkeit als das Lebensalter selbst: Sie haben ihre künstlerische Tätigkeit nicht als Beruf verstanden, sondern als eine Form des Lebens.
Als ich diesen Gedanken mit meiner eigenen Situation verknüpfte, musste ich daran denken, dass ich einmal schrieb: „Die Arbeit an meiner Autobiografie und die Sichtung meines Archivs verändern meine Selbstwahrnehmung.“ Es beschreibt eine lebenslange Praxis, die Identität stiftet. Genau darin sehe ich die eigentliche Verbindung zwischen mir, den Bauhaus-Fotografinnen und den Forschungsergebnissen von Daisy Fancourt.
Beim Schreiben dieses Textes fällt mir auf, dass ich vieles von dem, was Daisy Fancourt beschreibt, selbst erlebt habe – lange bevor ich ihren Namen kannte. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr erinnere ich mich an eine Zeit, in der ich all das noch nicht hätte verstehen können.
Vor über 25 Jahren hatte ich eine schwere Depression und war überzeugt, nie wieder fotografieren zu können. Was mich jedoch nicht verließ, war das Bedürfnis, kreativ zu arbeiten. Ich begann mit Mixed Media. Rückblickend glaube ich, dass nicht nur die entstandenen Arbeiten wichtig waren. Entscheidend war der kreative Prozess selbst. Er hielt etwas in mir lebendig, das ich bereits verloren glaubte.
Vielleicht besteht der eigentliche Wert eines Lebenswerks nicht nur darin, was es über die Vergangenheit erzählt, sondern darin, was es mit dem Menschen macht, der es erneut betrachtet.
Es ist nicht die Wissenschaft allein, die mich berührt. Es ist die Erfahrung, dass plötzlich so vieles miteinander in Resonanz gerät: mein Archiv, meine Autobiografie, die Bauhaus-Fotografinnen und die Forschung von Daisy Fancourt. Erst zusammen ergeben sie für mich ein neues Bild. Erst jetzt erkenne ich, dass meine eigene Biografie Erfahrungen enthält, die sich mit Fancourts Forschung beschreiben lassen.
Ich entdecke und verstehe nicht nur meine Vergangenheit – ich gewinne eine neue Gegenwart.
* Gertrud Arndt wurde 97, Ellen Auerbach 95, Lotte Stam-Beese 87, Irena Blühová 87, Marianne Brandt 89, Florence Henri 91, Lucia Moholy 95, Ré Soupault 90, Grete Stern 95, Edith Tudor-Hart 70 Jahre alt.
- Gertrud Arndt
- Ellen Auerbach
- Irene Bayer
- Lotte Stam-Beese
- Irena Blühová
- Marianne Brandt
- Lotte Gerson-Collein
- Margarete Dambeck-Keller
- Charlotte Grunert
- Ise Gropius
- Toni von Haken-Schrammen
- Florence Henri
- Irene Hoffmann
- Hilde Hubbuch
- Grit Kallin-Fischer
- Judit Kárász
- Ivana Meller-Tomljenović
- Etel Mittag-Fodor
- Lucia Moholy
- Lony Neumann
- Ricarda Schwerin
- Ré Soupault
- Grete Stern
- Elsa Thiemann
- Edith Tudor-Hart (bauhaus.de)
Hinzu kommen vier Fotografinnen des New Bauhaus in Chicago:
- Barbara Crane
- Catherine Hinkle
- Else Tholstrup
- Mili Thompson