Es gibt Fotografien, an denen ich früher vielleicht vorbeigesehen hätte. Heute bleibe ich an ihnen hängen. Es sind z. B. Fotografien, auf denen eine Frau mit zurückgelegtem Kopf und geschlossenen Augen auf dem Rücken liegt. Ihre Arme liegen über ihrem Kopf, Teile des Körpers sind unbedeckt. Sie liegt ausgestreckt da, wie hingegeben. Mal liegt sie auf dem Boden, mal auf einem Bett oder Sofa. Ihr Haar breitet sich um ihren Kopf aus. Es sind keine Fotografien von Gewalt.
Die Frau hat möglicherweise mit großer Selbstverständlichkeit zugestimmt. Vielleicht hat sie diese Inszenierung selbst gewollt. Vielleicht erlebt sie sich darin als schön, frei, erotisch, selbstbestimmt.
Ich weiß es nicht.
Und ich habe kein Recht, ihr diese Möglichkeit abzusprechen. Trotzdem kann ich solche Fotografien nicht mehr unschuldig betrachten. Seit dem Prozess um Gisèle Pelicot hat sich mein Blick verändert.
Gisèle Pelicot wurde von ihrem damaligen Ehemann über Jahre hinweg betäubt und Männern zur Vergewaltigung überlassen. Die Taten wurden aufgezeichnet. Der weibliche Körper wurde zum Schauplatz einer nahezu vollkommenen Entrechtung: sichtbar, zugänglich, verfügbar – und der eigenen Handlungsmacht beraubt.
Ich habe mich intensiv mit der Wirkung solcher Videos und Fotografien beschäftigt. Mit der Frage, was es bedeutet, wenn Gewalt nicht nur geschieht, sondern visuell dokumentiert wird.
Seitdem lässt mich ein Gedanke nicht mehr los. Denn ich sehe etwas, das unsere Kultur seit sehr langer Zeit kennt: den liegenden Frauenkörper. Den zurückgelegten Kopf. Die geschlossenen Augen. In der Fotografie erscheint sie passiv. Sie wird zum Objekt der Betrachtung.
Ich weiß sehr genau, dass ich hier zwei Dinge nebeneinanderstelle, die nicht gleichgesetzt werden dürfen. Eine einvernehmlich entstandene erotische Fotografie ist keine Vergewaltigung, so wie eine Pose keine Gewalttat ist. Ein fotografiertes Modell ist nicht automatisch ein Opfer. Und dennoch existiert diese Art von Fotografie nicht außerhalb unserer Geschichte. Posen entstehen nicht im luftleeren Raum. Ebenso wenig unser Blick auf sie. Der liegende weibliche Akt gehört zu den beharrlichsten Bildformeln der westlichen Kunstgeschichte. Seit der Renaissance begegnet uns die liegende weibliche Nackte immer wieder – von der Venus bis zur Odaliske, vom Pin-up bis zur Werbe- und Modefotografie. Der Frauenkörper liegt horizontal im Bild, für den Blick arrangiert: ausgestreckt, dargeboten, betrachtbar.
John Bergers Gedanke, dass Männer handeln und Frauen erscheinen, ist mehr als fünfzig Jahre alt. Laura Mulvey hat wenig später den männlich organisierten Blick analysiert.
Mich beschäftigt inzwischen noch etwas anderes: die Körpergrammatik, die dieser Blick hervorgebracht hat. Denn es geht nicht nur darum, wer schaut. Es geht auch darum, wie ein Körper angeordnet wird, damit er betrachtet werden kann. Und ich möchte wissen:
Warum ist weibliche Passivität erotisch?
Vielleicht ist das die Frage, die mich inzwischen am meisten beschäftigt. Warum hat unsere Kultur ausgerechnet den liegenden, passiven, hingegebenen Frauenkörper zu einer ihrer beharrlichsten erotischen Bildformeln gemacht? Warum kennen wir diese Pose und müssen sie nicht erklärt bekommen? Warum lesen wir geschlossene Augen als Sinnlichkeit? Den zurückgelegten Kopf als Hingabe? Die geöffneten Arme als Erotik? Das reglose Liegen als Verführung?
Und warum erscheint uns das alles so selbstverständlich?
Ein aufrechter Körper nimmt Raum ein. Ein gehender Körper hat ein Ziel. Ein arbeitender Körper handelt. Ein blickender Körper antwortet. Ein widerständiger Körper entzieht sich. Aber der liegende, für den Blick inszenierte Körper?
Genau an dieser Stelle wird mir unbehaglich. Denn dieser Körper wird betrachtet, mit den Augen abgetastet. Ich suche seit einiger Zeit nach einem Wort für das, was mich an manchen dieser Fotografien stört. Vielleicht ist es dieses: Hingeflossensein.
Der weibliche Körper scheint seine eigene Begrenzung zu verlieren. Er wird weich, geöffnet, ausgestreckt. Er fließt in die Fläche, auf der er liegt. Er beansprucht den Raum nicht, er fügt sich ihm ein.
Und ich frage mich, wie viel kulturelle Geschichte in dieser einen Bildform steckt. Wie oft haben wir Frauen so gesehen? Sie „fließen“ von Betten und Sofas, auf Böden und Tischen, in Landschaften. Immer wieder mit geschlossenen Augen, mit geöffnetem Mund, mit zurückgelegtem Kopf.
Warum wird weibliche Passivität ästhetisiert? Warum wird Wehrlosigkeit als Hingabe gelesen?
Selbstverständlich hat jede Frau das Recht, sich auf genau diese Weise fotografieren zu lassen: liegend, nackt, mit geschlossenen Augen, mit geöffneten Beinen, hingegeben, passiv.
Aber warum finden wir das erotisch?
Eine feministische Kritik, die Frauen vorschreibt, wie sie ihren Körper zeigen dürfen, wäre eine Form der Bevormundung. Das weiß ich, und vielleicht liegt genau hier die Schwierigkeit. Denn individuelle Selbstbestimmung und kulturelle Bildgeschichte sind nicht dasselbe.
Eine Frau kann eine Pose vollkommen freiwillig wählen – und diese Pose kann dennoch Teil einer jahrhundertealten visuellen Ordnung sein.
Ich fotografiere seit mehr als sechzig Jahren. Ich habe Frauen bei der Arbeit fotografiert, auf Demonstrationen, in politischen Bewegungen. Mütter. Alte Frauen. Junge Frauen. Nackte Frauen. Frauen mit Krebs. Frauen nach dem Verlust ihrer Brust. Frauen, die sich zeigen wollten. Frauen, die gesehen werden wollten. Und natürlich muss ich deshalb auch meinen eigenen Blick befragen.
Welche Posen habe ich vorgeschlagen? Welche Vorstellungen von Weiblichkeit habe ich übernommen, ohne sie zu bemerken? Wo habe ich Frauen als Subjekte gesehen – und wo vielleicht doch als Körper? Ich kann diese Fragen nicht beantworten, indem ich mich selbst auf die richtige Seite stelle. Das mag unbequem sein.
Bei der Aufarbeitung meines fotografischen Archivs ist mir in den vergangenen Monaten immer deutlicher geworden, dass sich durch mein Werk eine Linie zieht, die ich lange nicht benennen konnte: Frauen als handelnde Subjekte.
Nicht die Frau als Dekoration. Nicht als Projektionsfläche. Nicht als Körper, über den verfügt wird. Sondern die Frau in ihrer Präsenz, in ihrem Lebenszusammenhang: bei der Arbeit, im Protest, in Krankheit, im Alter, im Widerstand, in Beziehung.
Und vielleicht verstehe ich erst jetzt, warum mich bestimmte Fotografien so stark beunruhigen. Weil ich inzwischen sehe, dass es nicht nur darum geht, ob eine Frau sichtbar ist. Es geht darum, wie sie sichtbar wird. Ist sie das Subjekt, die Handelnde, ein Gegenüber? Oder ist sie der Körper, der betrachtet werden kann?
Seit Pelicot haben diese Posen für mich ihre Unschuld verloren. Ich sehe liegende Frauenkörper und geschlossene Augen anders. Nicht, weil jede dieser Gesten Gewalt bedeutet. Sondern weil dies eine Bildsprache ist, deren Bedeutung ich nicht mehr von den realen Machtverhältnissen zwischen Männern und Frauen trennen kann. Ich jedenfalls kann nicht mehr übersehen, wie eng sich in manchen dieser Fotografien Schönheit, Passivität und Verfügbarkeit berühren.
Vielleicht ist die entscheidende Frage nicht: Darf man solche Fotografien machen?
Natürlich darf man.
Vielleicht lautet die Frage vielmehr: