Seit dem Prozess um Gisele Pelicot beschäftigt mich eine Frage, die über diesen konkreten Fall hinausgeht:
Kann ein historisches Ereignis die Bedeutung einer ganzen Bildsprache verändern?
In einer Diskussion über diesen Text schrieb mir eine Fotografin: „Wir dürfen diesem Verbrechen nicht die Deutungshoheit über eine ganze Bildsprache geben.“
Dieser Satz ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Denn ich glaube nicht, dass der Fall Pelicot eine Bildsprache geschaffen hat. Die Darstellung des liegenden Frauenkörpers existiert seit Jahrhunderten – in der Malerei ebenso wie in der Fotografie. Sie reicht von der schlafenden Venus über die Odaliske bis zu zeitgenössischen Inszenierungen. Aber historische Ereignisse verändern nicht die Fotografien. Sie verändern die Menschen, die sie betrachten. Nicht die Entstehungsgeschichte eines Fotos verändert sich. Sondern der kulturelle und historische Kontext, in dem wir ihm begegnen.
Der Fall Gisele Pelicot hat für mich etwas sichtbar gemacht, das ich zuvor weniger deutlich wahrgenommen hatte: wie eng der liegende Frauenkörper in unserer Bildtradition (ikonografischen Konventionen) immer wieder mit Vorstellungen von Passivität, Wehrlosigkeit und weiblicher Verfügbarkeit verknüpft worden ist.
Der Fall Gisele Pelicot war nicht nur ein Gewaltverbrechen. Die Vergewaltigungen wurden fotografiert und gefilmt. Die Bilder waren nicht bloß Dokumente der Tat – sie waren Teil der Tat selbst. Seitdem kann ich bestimmte Bildkonstellationen nicht mehr mit derselben Unbefangenheit betrachten wie zuvor. Das bedeutet nicht, dass Fotograf:innen, die solche Bilder machen, in irgendeiner Weise mit den Tätern in Verbindung stünden. Mich interessiert etwas anderes.
Meine These lautet: Historische Ereignisse verändern die Betrachter:in. Dadurch verändert sich die Bedeutung von Bildsprachen.
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass genau das geschieht. Nicht nur im Fall Pelicot. Nach dem Holocaust können wir Eisenbahnwaggons nicht mehr ausschließlich als Verkehrsmittel sehen. Sie sind zugleich Träger historischer Erinnerung geworden. Nach dem 11. September lesen wir Fotografien von Hochhäusern anders als zuvor. Nach Abu Ghraib haben sich Bilder gefesselter oder erniedrigter Gefangener verändert – nicht, weil sich ihre Form verändert hätte, sondern weil unser Wissen ein anderes geworden ist. Die Ereignisse sind nicht vergleichbar. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass sie unsere Wahrnehmung bestimmter Bildmotive dauerhaft verändert haben.
Keines dieser Ereignisse verbietet die jeweiligen Motive. Und doch verändert jedes von ihnen dauerhaft die kulturelle Bedeutung einer Bildsprache.
Meine These lädt dazu ein, Bildsprachen historisch zu lesen. Es ist eine Einladung, genauer hinzusehen. Denn Fotografien bewahren nicht nur die Zeit ihrer Entstehung. Sie nehmen auch die Geschichte auf, die nach ihnen geschieht.
Die Bedeutung einer Fotografie ist niemals abgeschlossen. Fotografien altern nicht nur. Ihre Bedeutung entsteht immer wieder neu im historischen Dialog zwischen Fotografie und Betrachter:in.