Alles, was ich bisher über den Dokumentarfilm Was haben wir gelacht gelesen und gesehen habe, berührt mich. Nicht, weil er mich auf einen neuen Gedanken bringt, sondern weil er eine Erkenntnis bestätigt, die mich seit Wochen beschäftigt und die im Mittelpunkt meiner beiden letzten Blogbeiträge steht.
Ich vertrete in den beiden Blogbeiträgen die These, dass eine historische Erfahrung die Art, wie wir eine Bildsprache lesen und interpretieren, verändern kann.
Ausgangspunkt meiner Überlegungen war nicht der Pelicot-Prozess als solcher. Entscheidend war für mich die Erkenntnis, dass die dort gezeigten Videos weit mehr waren als bloße Beweismittel. Sie entstanden im Kontext der Taten und wurden zu einem wesentlichen Bestandteil des Verbrechens.
Diese Einsicht hat meinen Blick auf eine bestimmte Bildsprache verändert. Seitdem kann ich Fotografien von liegenden Frauen mit geschlossenen Augen nicht mehr unbefangen als Darstellung eines erotischen Moments betrachten.
Nicht, weil sich diese Fotografien verändert hätten. Nicht, weil ihre Urheberinnen oder Urheber etwas anderes beabsichtigt hätten. Sondern weil ich heute weiß, dass dieselbe Bildsprache auch im Kontext schwerster sexualisierter Gewalt eingesetzt werden kann. Diese historische Erfahrung hat meinen Erfahrungshorizont erweitert – und damit meine Wahrnehmung dieser Fotografien verändert.
Dass Fotos nicht allein durch das Sichtbare Bedeutung erhalten, sondern auch durch die Betrachtenden und ihren Erfahrungshorizont, ist kein neuer Gedanke. Roland Barthes, Susan Sontag und John Berger haben auf unterschiedliche Weise beschrieben, dass Wahrnehmung niemals unabhängig von Wissen, Erinnerung und kulturellem Kontext entsteht.
Als ich nun über Was haben wir gelacht las und mir diverse TV-Beiträge dazu ansah, wurde mir klar, dass es dort genau darum geht: die Wahrnehmung – allerdings an einem anderen Gegenstand. Der Film beschäftigt sich nicht mit Fotografie, sondern mit Fernsehunterhaltung, mit Witzen in Unterhaltungsshows. Mit Szenen, über die Millionen Menschen in den 1980er- und 1990er-Jahren gelacht haben.
Dass heute viele dieser Aufnahmen als sexistisch, demütigend oder irritierend wahrgenommen werden und nicht nur mich sprachlos machen, ist ein Fakt. Doch weder die Aufnahmen noch die Witze haben sich verändert. Was sich verändert hat, ist unser Blick. Genau das war der Kern meiner Überlegungen. Eine Bildsprache besitzt keine unveränderliche Bedeutung. Sie wird immer wieder neu gelesen – im Licht der historischen Erfahrungen ihrer Betrachterinnen und Betrachter. Der Film fragt:
Kann gesellschaftlicher Wandel die Bedeutung von Fernsehbildern und Humor verändern?
Und kommt zur gleichen Erkenntnis wie ich. Bedeutung ist keine feste Eigenschaft. Sie entsteht im Verhältnis zwischen der visuellen Darstellung und dem historischen Erfahrungshorizont ihrer Betrachterinnen und Betrachter. Und dieses Verhältnis verändert sich mit der Geschichte.
Der Dokumentarfilm Was haben wir gelacht zeigt denselben Mechanismus an einem anderen Medium. Damit wird aus meiner Beobachtung zum liegenden Frauenkörper keine zufällige Einzelwahrnehmung mehr. Sie erhält eine allgemeinere Bedeutung.
Vielleicht müssen wir deshalb beginnen, Bildsprachen grundsätzlich anders zu denken. Nicht als Systeme mit einer unveränderlichen Bedeutung. Sondern als offene kulturelle Formen, deren Sinn sich gemeinsam mit der Geschichte verändert.
Für mich hat diese Erkenntnis unmittelbare Folgen für meine Arbeit am eigenen fotografischen Archiv. Lange glaubte ich, ich würde Fotografien ordnen, datieren und beschreiben. Heute glaube ich, dass ich zugleich etwas anderes beobachte. Ich beobachte, wie Geschichte die Bedeutung meiner eigenen Fotografien verändert. Ein Archiv bewahrt nicht nur Fotografien. Es bewahrt die Möglichkeit, dass jede Generation dieselben Fotografien neu lesen wird. Ein Archiv konserviert keine Bedeutung. Es konserviert in meinem Fall Fotografien, deren Bedeutung sich mit jeder neuen historischen Erfahrung weiterentwickeln kann. Deshalb erzählt ein Archiv niemals nur von der Vergangenheit. Es erzählt immer auch von der Gegenwart, aus der heraus wir auf die Vergangenheit blicken.
Der Dokumentarfilm Was haben wir gelacht hat mir gezeigt, dass meine eigene These auch außerhalb der Fotografie Bestand haben könnte. Vielleicht besteht die eigentliche Aufgabe eines Archivs deshalb nicht nur darin, Fotografien zu bewahren. Vielleicht besteht sie auch darin, zukünftigen Generationen die Möglichkeit zu geben, dieselben Fotografien unter den Bedingungen ihrer eigenen Geschichte neu zu lesen.