Heute vor sieben Jahren habe ich erfahren, dass ich Krebs habe. Gebärmutterkrebs.
Bei der dann folgenden Operation wurden meine Gebärmutter und meine Eierstöcke entfernt – und damit auch der Krebs. Danach folgten die erforderlichen Kontrolluntersuchungen. Die Befunde waren seitdem immer unauffällig. Darüber bin ich froh.
Aber diese Erkrankung lässt sich für mich nicht isoliert betrachten. Krebs entfernt, Kontrollen unauffällig – damit ist noch nicht erzählt, wie es mir danach ging. Folgen müssen nicht Chemotherapie oder Tod bedeuten. Sie können auch den Alltag über Jahre verändern. Mein zuvor ohne Medikamente beherrschbarer Diabetes geriet in dieser Zeit völlig aus dem Gleichgewicht. Und damit hatte ich noch jahrelang zu tun.
Ich hatte zuvor meine Ernährung umgestellt und angefangen, Sport zu treiben. Nach der Diagnose sind die Werte durch die Decke gegangen und waren nicht mehr einzuholen.
Die Worte „Es ist Krebs“ beschäftigen nicht nur die Gedanken. Eine Krebsdiagnose kann im Körper eine Stressreaktion auslösen. Wenn das Gehirn die Worte „Es ist Krebs“ als Bedrohung wahrnimmt, aktiviert es das körpereigene Alarmsystem. Zunächst werden vor allem Adrenalin und Noradrenalin ausgeschüttet: Herzschlag und Atmung können schneller werden, der Blutdruck steigt, Energie wird bereitgestellt. Über eine weitere hormonelle Signalkette kann dann die Nebennierenrinde vermehrt Cortisol freisetzen. Cortisol ist ein lebenswichtiges Hormon. In einer Stresssituation sorgt es dafür, dass der Körper mehr Energie zur Verfügung hat, damit ich eventuell schnell wegrennen könnte. Für den Diabetes sind dabei zwei Wirkungen entscheidend: Die Leber stellt mehr Zucker bereit und gibt ihn ins Blut ab und die Wirkung von Insulin wird abgeschwächt: Körperzellen nehmen weniger gut Zucker aus dem Blut auf. Dadurch kann der Blutzucker steigen, auch wenn man nichts anders isst als vorher. Bei bestehendem Diabetes kann der Körper das schlechter ausgleichen. Anhaltende Belastung kann außerdem Schlaf, Appetit und Bewegung beeinflussen und die Blutzuckereinstellung zusätzlich erschweren.
Genau darum geht es mir: Die Krebserkrankung lässt sich nicht vom Rest meines Körpers und meines Lebens trennen. Der Krebs konnte entfernt werden. Was ich danach gesundheitlich erlebt habe, gehört trotzdem zu dieser Geschichte. Ich musste Insulin spritzen und irgendwann wog ich 121 Kilogramm.
Nicht nur auf den Krebs, auch auf die Folgen, z. B. auf diese Entwicklung meines Diabetes und seine Folgen, hätte ich gut verzichten können. Ehrlich.
Inzwischen habe ich 30 Kilogramm abgenommen und komme ohne Insulin zurecht. Das freut mich. Doch ich habe aufgrund der Diabetes eine Polyneuropathie vom Feinsten, deren Folgen mein alltägliches Leben erheblich einschränken. Dazu kommen Muskelschwund und die anderen Baustellen, die sich auftun, wenn der Körper, den ich bewohne, altert.
Über längere Zeit erhöhte Blutzuckerwerte und andere Störungen des Stoffwechsels schädigen nach und nach die Nerven. Vor allem in den Füßen, oft auch in den Händen, Unterarmen und Unterschenkeln. Die Nervenschäden können auch Organe betreffen. Dann treten unter anderem Magen-Darm-Beschwerden oder Herz-Kreislauf-Probleme auf. Die diabetische Neuropathie ist nicht heilbar. Bereits entstandene Nervenschäden lassen sich nicht rückgängig machen; entscheidend ist deshalb, ein Fortschreiten möglichst zu verhindern und Beschwerden zu behandeln.
18 Jahre lang hatte ich Hunde. Die langen Spaziergänge gehörten zu meinem Leben. Bis zu meinem Unfall vor drei Jahren bin ich außerdem regelmäßig Rad gefahren. Das hat mir große Freude gemacht. Heute fehlen mir die Spaziergänge mit meinen Hunden und das Radfahren. Damit ist auch die Bewegung weggefallen, die ganz selbstverständlich Teil meines Alltags war und die ich gern gemacht habe. Dass es danach körperlich so unfassbar schnell bergab gehen würde, hätte ich wirklich nicht gedacht. Nicht in diesem Ausmaß, wie ich es heute erlebe.
Wenn ich auf diese sieben Jahre zurückblicke, gehört das alles zusammen: die Krebsdiagnose, der entgleiste Diabetes, die Polyneuropathie, der Unfall, die fehlende Bewegung und das Älterwerden. Nicht alles hat dieselbe Ursache. Aber ich lebe mit all dem in einem Körper.
Ich habe ihn überlebt. Darüber bin ich froh. Aber die Feststellung „krebsfrei“ bedeutet nicht: wieder wie vorher. Mein Körper hat eine Geschichte weitergeschrieben, die mit der Operation nicht zu Ende war.