In den vergangenen Tagen habe ich mich empört, wie viele andere auch. Über das Wahlergebnis vom vergangenen Sonntag. Über eine Partei, deren Erstarken meiner Vorstellung von Demokratie, Menschenwürde und gesellschaftlicher Verantwortung widerspricht. Meine Empörung war echt. Sie war nicht inszeniert, nicht herbeigeredet. Sie entstand aus einer Verletzung meiner Werte.
Und dann habe ich irgendwann bemerkt, dass mit dieser Empörung etwas geschah: Sie generierte Aufmerksamkeit. Ich hörte Redebeiträge. Ich las weitere Meldungen. Ich suchte nach Informationen über diese Partei und ihre Vertreter. Jede neue Äußerung bestätigte meine Ablehnung – und führte zugleich dazu, dass ich mich noch länger mit genau dem beschäftigte, was ich ablehnte.
Denn Empörung ist in den sozialen Medien kein zufälliges Gefühl. Sie ist wertvoll, weil sie Aufmerksamkeit bindet und uns klicken, lesen, ansehen, weiterleiten, und kommentieren lässt. Auch Ablehnung erzeugt Reichweite oder Widerspruch ist Aufmerksamkeit.

Warum schenke ich denen so viel meiner Zeit, deren Politik ich ablehne?

Ich informierte mich irgendwann nicht mehr nur, um etwas zu verstehen. Vieles wusste ich längst. Ich sah mir weitere Beiträge an, obwohl sie meine Erkenntnis kaum noch veränderten. Sie veränderten vor allem meinen inneren Zustand: meine Empörung. Empörung fühlt sich nach Aktivität an. Aber sie ist zunächst nur ein Gefühl. Vielleicht liegt genau hier eine der Fallen unserer gegenwärtigen politischen Öffentlichkeit: Wir verwechseln das intensive Erleben eines Gefühls mit politischem Handeln. Das bedeutet nicht, dass Empörung wertlos wäre. Im Gegenteil. Meine Empörung sagt mir etwas darüber, wo für mich eine Grenze verläuft. Sie zeigt mir, welche Werte mir wichtig sind. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:

Wie werde ich meine Empörung los? Sondern: Was mache ich mit ihr?

Ich habe beschlossen, den nächsten empörenden Beitrag in den sozialen Medien nicht mehr anzusehen. Nicht, weil er mir gleichgültig wäre. Sondern weil meine Aufmerksamkeit mir gehört. Und ich habe begonnen, darüber nachzudenken, was sinnvoller wäre. Wer sind diejenigen, die aufgrund ihres politischen Mandats tatsächlich handeln können? Ich bin bei den Bundestagsabgeordneten gelandet. Ich möchte wissen, wie sie die inzwischen vorliegenden Erkenntnisse über die AfD bewerten. Ich möchte wissen, welche Voraussetzungen ihnen noch fehlen, um ein Verfahren nach Artikel 21 Absatz 2 des Grundgesetzes ernsthaft in Betracht zu ziehen. Und habe beschlossen: Ich verschicke keine Mails. Ich schreibe Briefe, auf Papier. Und ich lege ihnen eine meiner Fotografien bei. Sie entstand 1986 bei einer antifaschistischen Demonstration.

NIE WIEDER.

Fast vierzig Jahre später verschicke ich diese Fotografie erneut. Und ich bin entsetzt darüber, dass sie heute wieder eine solche politische Gegenwärtigkeit besitzt. Plötzlich verbindet sich meine eigene fotografische Geschichte mit einer politischen Gegenwart, von der ich gehofft hatte, dass bestimmte Fragen in dieser Schärfe nicht wieder gestellt werden müssten.
Für morgen ist eine Demonstration in Düsseldorf angekündigt. Noch weiß ich nicht, ob ich hingehen werde. Früher wäre das selbstverständlich gewesen. Ich wäre gegangen, weil ich zeigen wollte, dass ich widerspreche. Heute frage ich genauer – auch, weil ich inzwischen 76 Jahre alt bin: Was bewirkt meine Anwesenheit? Gehe ich dorthin, weil gemeinsamer öffentlicher Widerspruch politisch notwendig ist? Weil eine große Zahl von Menschen sichtbar machen kann, dass eine gesellschaftliche Entwicklung nicht unwidersprochen bleibt? Weil öffentliche Versammlungen ein elementarer Bestandteil demokratischer Kultur sind? Oder gehe ich hin, damit ich anschließend sagen kann: „Ich war dabei.“

Die Antwort kenne ich bisher nicht. Doch eines weiß ich inzwischen: Es reicht mir nicht mehr, meine Empörung nur zu zeigen. Ich möchte wissen, wohin sie führt. Vielleicht bedeutet politische Verantwortung manchmal, auf die Straße zu gehen. Vielleicht bedeutet sie manchmal, einen Brief zu schreiben. Doch vielleicht bedeutet sie heute auch, einem Algorithmus die eigene Aufmerksamkeit zu verweigern.
Empörung ist ein Gefühl. Haltung ist eine Entscheidung. Und aus einer Haltung kann eine Handlung werden.

Meine Empörung darf mir sagen, wo meine Grenze liegt. Aber was ich danach tue, möchte ich selbst bestimmen.

Nachtrag

SAG NEIN – stoppt die AfD jetzt

Von der Postkarte „NIE WIEDER“ habe ich noch einige Exemplare. Wer selbst eine oder mehrere Karten verschicken möchte, kann sie bei mir bestellen.
10 Postkarten, DIN A6 (10,5 × 14,8 cm), 450 g/m², Rückseite matt und beschreibbar: 14 € inklusive Versand innerhalb Deutschlands.

Jede verschickte Karte ist ein kleines Statement. Vielleicht wird daraus mehr: ein Brief an eine Abgeordnete, einen Abgeordneten, an Menschen, die politische Verantwortung tragen.

SAG NEIN – stoppt die AfD jetzt

Lasst uns Haltung zeigen und für den Erhalt unserer Demokratie eintreten.

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