Eigentlich wollte ich nur eine alte Festplatte aufräumen. Das war jedenfalls der Plan. Fotos, die zur Fotografie gehören, auf die entsprechenden Laufwerke kopieren, ein wenig löschen, etwas sortieren und dann diese Festplatte irgendwann beschriften und weglegen. Stattdessen sitze ich seit Stunden davor und kann mich kaum losreißen. Ich finde Texte. Ideen. Seminarkonzepte. Übungen zur Kreativität. Adressen von Frauen, mit denen ich irgendwann einmal Kontakt hatte. Dinge, von denen ich zum Teil überhaupt nicht mehr wusste, dass es sie gibt. Ich wusste natürlich, dass es da eine Zeit mit Mixed Media gegeben hatte. Ich wusste, dass ich genäht habe. Ich wusste, dass ich Seminare gegeben habe. Aber dieses ganze Ausmaß war mir nicht mehr bewusst.
Und plötzlich dachte ich: Mein Gott, wie kreativ war ich eigentlich?
Vielleicht habe ich überhaupt nie aufgehört, kreativ zu sein. Ich habe nur immer wieder das Material gewechselt.
Schon als junge Frau habe ich gestickt, gehäkelt, gestrickt und genäht. Im Studium fing ich an zu malen, abstrakt natürlich, und ich lernte, Bücher zu binden. Wenn ich die alten Texte heute lese, merke ich aber auch wieder, in welcher Zeit das alles passiert ist. 
Mir ging es damals nicht gut. Überhaupt nicht. Ich hatte eine schwere Krise hinter mir beziehungsweise steckte noch mittendrin, und in einem der Texte schreibe ich, dass die Nähmaschine für mich wie ein Anker gewesen sei. Ich saß an dieser Maschine, nähte Stoffstücke zusammen, und offenbar beruhigte mich das. Es hielt mich fest. Es gab meinem Tag eine Form. Vielleicht hat es mir sogar geholfen, wieder in mein Leben zurückzufinden.

Auf dieser Festplatte liegen auch Texte mit unzähligen Tipps und Übungen zur eigenen Kreativität: spazieren gehen, Dinge sammeln, ein Haiku schreiben, Geräusche notieren. Heute kommt mir vieles davon fast selbstverständlich vor. Aber vielleicht ist genau das interessant. Und dann fand ich in einem alten Text einen Satz, den ich fast unheimlich finde. Ich schrieb damals über Patchwork und darüber, wie sehr mich diese Arbeit aus „Leftovers“ faszinierte. Und ich schrieb, das sei für mich wie mein eigenes Leben gewesen. Nach meinem Zusammenbruch habe ich Stück für Stück wieder etwas zusammengesetzt, damit daraus ein Ganzes werde.
Als ich das heute gelesen habe, dachte ich: Genau das mache ich doch gerade wieder. Damals habe ich mein Leben zusammengesetzt. Heute setze ich mein Archiv zusammen. Vielleicht hat mich diese Festplatte deshalb so gepackt. Weil ich nicht einfach alte Dateien gefunden habe. Ich habe eine frühere Version von mir gefunden.
Eine Frau, die wahnsinnig viel gemacht hat. Die fotografiert, genäht, gemalt und Bücher gebunden hat. Die Texte geschrieben, Seminare entwickelt hat und andere Frauen dazu bringen wollte, kreativ zu sein. Die sich mit Menschen im Internet vernetzt hat, lange bevor das alles selbstverständlich wurde. 
Und dann liegt da zwanzig Jahre später eine Festplatte.
Ich klicke eine Datei an.
Lese einen Satz.
Und plötzlich ist da wieder etwas.
Nicht vollständig.
Aber deutlich genug, um zu sagen: Ja. Das war ich. Diese Frau gehört zu meiner Geschichte. Und vielleicht gehört sie sogar viel stärker zu meinem heutigen Arbeiten, als ich bisher gedacht habe. Denn auch heute sammle ich Bruchstücke. Ich schaue sie an. Ich versuche herauszufinden, wo sie hingehören. Und ich setze sie zusammen. Vielleicht ist das tatsächlich eine Konstante in meinem Leben: aus dem, was da ist, etwas Ganzes machen. Oder wenigstens versuchen zu verstehen, was das Ganze einmal gewesen sein könnte. Und vielleicht war diese alte Festplatte deshalb heute keine Ablenkung von meiner eigentlichen Arbeit. Vielleicht war sie ein Teil davon. 

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