Ein Fund aus meinem eigenen Archiv

Heute habe ich beim Durchsehen meiner Bücher ein selbst gebundenes Konvolut gefunden. Darin befinden sich Fotografien, Texte und Briefe an mich.
Einer dieser Texte hat mich erstaunt.
Ich weiß nicht mehr, wann genau ich ihn geschrieben habe, ich vermute, es war 2009. Aber ich erkenne darin eine frühere Lebenssituation und meine damaligen Versuche, mit einem schmerzlichen Verlust umzugehen.
Ich habe beschlossen, ihn zu veröffentlichen. Nicht, weil ich heute alles genauso formulieren würde, sondern weil auch dieser Text zu meiner Geschichte gehört.

Gefühle, Emotionen bestimmen unser Sein

Was wären wir auch ohne sie – nur eine biologische Maschine.
Wenn ich von Depression spreche, dann spreche ich nicht von dem Gefühl der Niedergeschlagenheit, das uns alle einmal heimsucht. Nein, ich stehe immer unter dem Damoklesschwert einer rezidivierenden Depression, bei der es immer wieder zu „depressiven Episoden“ kommen kann. Das ist so, weil die Neurotransmitter durch die vorausgegangenen Depressionen gestört sind und somit leicht eine erneute, bereits vorgeformte Neurotransmitter-Entgleisung angestoßen werden kann. Hört sich irgendwie nach Autoreparatur an – oder?

Egal. Es ist, wie es ist.

Ich habe beschrieben, dass ich in eine Depression abgleite. Es war, als würde ich mich dabei beobachten, wie ich untergehe, obwohl ich schwimmen kann – ein eigenartiges Gefühl. Und da ich nun schon bei den Wassermetaphern bin, noch eine, die dazu passt: Es heißt, erst wenn du unten angekommen bist, den Boden erreicht hast, kannst du dich wieder abstoßen, um an die Oberfläche zu kommen. So habe ich mich gefühlt, als hätte ich den Boden noch lange nicht erreicht.

In der Psychoanalyse gilt die Depression als eine gegen sich selbst gerichtete Aggressivität, deren Ursache unter anderem Überforderung ist. Ich denke, bei mir kamen viele Faktoren zusammen. Letztendlich war es der Datenverlust, der Verlust aller meiner Fotos aus den letzten Monaten, der diese Depression verstärkt hat. Denn es ist ein Stück von mir, das ich da verloren habe, weil ich mich mit meiner Arbeit sehr identifiziere. So ein Super-GAU – und das ist es für mich – ist, als würde etwas in mir implodieren.

Ich hätte schreiend im Kreis laufen müssen, wie Klageweiber aufheulen. Doch da ich zivilisiert bin, ist mir nur schlecht geworden. Dann bin ich zur Tagesordnung übergegangen. Was kann ich auch anderes machen, als mich damit abzufinden, dass die Daten, die Fotos weg sind? So ein Super-GAU hat auch etwas Selbstzerstörendes. Und mir wird immer klarer, warum ich in diese Depression glitt: Ich hatte mich selbst mal wieder vollkommen überfordert.

Anstatt zu schreien, zu heulen oder aktiv zu trauern, habe ich mich zivilisiert benommen. Doch wer hätte mich nicht für total bescheuert erklärt, wenn ich um den Verlust meiner Daten geweint oder aktiv getrauert hätte? Was mir eigentlich komplett egal hätte sein sollen.

Doch was im Moment zählt, ist: ES GEHT MIR WIEDER GUT.

Wie das gekommen ist? Da ich weiß, wie heilsam es für mich sein kann, Filme anzusehen, tat ich dies in den letzten Tagen. Filme sind immer auch Ausdruck von Emotionen, und es kann mir offensichtlich helfen, Zugang zu meinen eigenen Emotionen zu bekommen. Der Film Blood Diamond hat mich nun so geärgert, dass ich damit eine Möglichkeit hatte, meine Wut im Außen auszudrücken. Dazu zu stehen, dass ich diesen Film nicht gut finde, dies auszudrücken, war wie ein Leck in einen geschlossenen Kessel unter Überdruck zu schlagen. Der Druck konnte entweichen, und mein Sinkflug ist beendet.

So einfach ist das.

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