Ich frage mich in letzter Zeit häufiger, warum ich bestimmte Dinge öffentlich mache. Warum ich über Krankheit schreibe, über Erfahrungen, über Wut und Enttäuschung, über Menschen und Begegnungen, über Dinge, die Jahrzehnte zurückliegen. Warum ich nicht einfach denke: „Das ist mein Leben. Das geht niemanden etwas an.“
Natürlich gibt es Dinge, die niemanden etwas angehen. Ich glaube nicht, dass alles Private veröffentlicht werden muss. Es gibt Grenzen, über die jeder Mensch selbst entscheiden sollte. Aber während ich mein fotografisches Archiv aufarbeite und gleichzeitig immer häufiger über mein eigenes Leben schreibe, merke ich, dass Öffentlichkeit für mich noch etwas anderes bedeutet.
Was nur privat bleibt, kann verschwinden. Was öffentlich wird, kann Teil einer gemeinsamen Erinnerung werden.
Mich interessiert deshalb zunehmend die Frage: Wann wird persönliches Erleben zu einem Zeugnis, das über die einzelne Person hinaus Bedeutung bekommt? Vielleicht genau dann, wenn das, was ich erlebt habe, nicht nur etwas über mich erzählt. Wenn meine Erfahrung zugleich etwas sichtbar macht über eine Zeit, über gesellschaftliche Verhältnisse, über Frauenleben, Arbeit, Krankheit, Familie, Abhängigkeiten, Möglichkeiten und Grenzen. Wenn ein anderer Mensch darin etwas erkennt. Wenn jemand liest, was ich geschrieben habe, und plötzlich denkt: Ja. So war das bei mir auch. Oder: Davon wusste ich nichts. Oder sogar: Jetzt verstehe ich etwas, das ich vorher nicht verstanden habe. Dann verändert sich die private Erfahrung. Sie bleibt meine Erfahrung. Aber sie wird zugleich ein Zeugnis.
Und manchmal geschieht beim Erzählen noch etwas. Ein Ereignis, das ich nur in mir trage, kann mich lange in der Rolle derjenigen festhalten, der etwas widerfahren ist. Ich erinnere mich daran, reagiere darauf, vielleicht verletze ich mich immer wieder daran. In dem Moment aber, in dem ich beginne, es aufzuschreiben, verändert sich meine Position. Ich muss Worte dafür finden. Ich muss unterscheiden, was geschehen ist, was ich empfunden habe und wie ich es heute einordne. Damit stelle ich das Geschehen gewissermaßen vor mich hin. Es ist immer noch meine Erfahrung. Aber es ist nicht mehr nur etwas, dem ich ausgeliefert bin. Ich kann es betrachten. Ich kann Zusammenhänge erkennen, fremden Deutungen widersprechen und meine eigene finden.
Ich kann entscheiden, welche Bedeutung das Erlebte heute in meinem Leben bekommt.
Solange ein Ereignis nur etwas ist, das mir widerfahren ist, bleibe ich ihm gegenüber diejenige, mit der etwas geschehen ist. Sobald ich es erzähle, werde ich selbst wieder handelnd. Ich wähle die Worte, stelle Zusammenhänge her, entscheide, was ich davon weitergeben will. Und wenn ich den Text veröffentliche, gehe ich noch einen Schritt weiter: Ich mache aus einem privaten Erlebnis ein Zeugnis. Das bedeutet nicht, dass meine Darstellung plötzlich objektive Wahrheit wird. Sie bleibt meine Perspektive. Aber das Ereignis bekommt eine Form außerhalb meiner selbst. Vielleicht ist genau das einer der Gründe, weshalb Schreiben und Veröffentlichen für mich so wichtig geworden sind. Ich bin dann nicht mehr nur diejenige, der etwas passiert ist. Ich bin auch diejenige, die davon erzählt.
Öffentlichkeit schafft Spuren
Dieser Gedanke beschäftigt mich besonders, seit ich mein Archiv systematisch ordne. Ich habe Fotografien in der Hand, Negative, Kontaktbögen, Zeitungsseiten, Briefe und Dokumente. Vieles davon erscheint auf den ersten Blick unspektakulär. Und doch erzählt es Jahrzehnte später etwas darüber, wie Menschen gelebt haben.
Wer war da?
Wie sah ihr Alltag aus?
Wie haben Frauen gearbeitet?
Wofür gingen Menschen auf die Straße?
Was galt damals als selbstverständlich?
Was wurde fotografiert – und was nicht?
Denn Ereignisse hinterlassen nicht automatisch eine Geschichte. Es können Dinge geschehen, die für einen Menschen entscheidend waren und von denen später niemand mehr etwas weiß. Gefühle hinterlassen erst recht keine Akten. Ängste, Hoffnungen, Kränkungen, Liebe, Überforderung, Scham, Mut, Einsamkeit, Widerstand – all das existiert zunächst nur in dem Menschen, der es erlebt. Wenn niemand davon erzählt, kann es mit ihm verschwinden.
Das Private ist nicht unbedeutend
Lange Zeit wurde sehr genau unterschieden zwischen dem, was als geschichtlich bedeutsam galt, und dem sogenannten privaten Leben.
Politik war Geschichte.
Kriege waren Geschichte.
Regierungen waren Geschichte.
Aber wie Menschen ihre Kinder großzogen, wie Frauen ihren Alltag bewältigten, wie sie arbeiteten, wie abhängig oder unabhängig sie waren, was Krankheit mit einem Leben machte, wie Beziehungen funktionierten oder zerbrachen – vieles davon galt lange als nebensächlich. Dabei besteht Geschichte genau daraus. Aus Leben.
Das Private ist nicht automatisch unbedeutend, nur weil es privat erlebt wurde.
Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb ich heute anders auf meine eigenen Fotografien und Dokumente schaue. Ich sehe nicht mehr nur mein Leben darin, ich sehe Zeitgeschichte im Kleinen. Ein einzelnes Leben erzählt von seiner Zeit. Damit verändert sich für mich auch die Frage, ob ich über mich selbst schreiben darf. Natürlich darf ich. Aber mich interessiert weniger das Bekenntnis als das Dokument. Ich veröffentliche nicht, weil jeder Gedanke von mir bewahrt werden müsste. Und auch nicht, weil ich mein eigenes Leben für außergewöhnlicher halte als andere Leben, oder wichtiger als das anderer. Ich veröffentliche, weil ein einzelnes Leben etwas über seine Zeit erzählen kann. Ich erzähle von mir – und meine doch nicht nur mich. Vielleicht ist mein Blog deshalb inzwischen etwas geworden, was ich ursprünglich gar nicht geplant hatte:
Ein Archiv der Gegenwart meines eigenen Lebens.
Meine Fotografien bewahren, was ich gesehen habe. Meine Dokumente bewahren, was geschehen ist. Meine Texte bewahren, wie ich es erlebt habe. Und indem ich diese Erfahrungen in Worte fasse und veröffentliche, geschieht noch etwas: Ich verwandle Erlebtes in etwas, das ich betrachte, einordne und weitergebe. Es gehört weiterhin zu mir. Aber es bestimmt nicht mehr allein, wie ich mich selbst erzähle.