Da ist immer noch der Schmerz in der rechten, inzwischen auch in der linken Hand. Entstanden durch zu intensives, zu langes Arbeiten am Computer, mit der Maus.
Und da ist mein fotografisches Archiv.
Etwas, das mich nicht nur körperlich, sondern auch gefühlsmäßig immer wieder stark fordert. Manchmal habe ich den Eindruck, dass die Fotografien etwas anderes über mein Leben erzählen, als ich bisher dachte. Das ist anstrengend.
Und dann ist da diese Frage: Schaffe ich das überhaupt? Die Menge an Fotografien ist einfach zu groß. Da ist kein Ende in Sicht und die Befürchtung: Es reicht nicht – die Zeit nicht, die Kraft nicht –, um je an den Punkt zu kommen, an dem ich sagen kann: Es ist getan.
Mir ist schon lange klar, dass ich aus dieser Stimmung heraus muss. Dass ich etwas anderes tun muss, eine Art Gegenpol schaffen. In den letzten Tagen habe ich genau das getan: Ich habe genäht.
Nicht zufällig.
Nähen ist etwas, das mich seit Langem begleitet. In einer Zeit, in der ich heilen musste – das ist über zwanzig Jahre her –, hat es mich getragen. Am Freitag habe ich dann angefangen, aus einer alten Jeans und einer Leinenhose, die ich nicht mehr tragen konnte, eine Tasche zu nähen. Kurz bevor ich die Tasche fertiggestellt hatte, brach die Nähmaschinennadel ab und ich konnte meine Arbeit nicht fortsetzen. Am Samstag habe ich dann neue Nähmaschinennadeln besorgt und die erste Tasche fertiggestellt und gleich eine weitere genäht.
Es lief nicht glatt. Es lief überhaupt nicht reibungslos. Und trotzdem: Am Ende hatte ich zwei fertige Taschen in der Hand. Ein gutes Gefühl. So gut, dass ich weitergemacht habe. Kleine Taschen aus Stoffresten – ich kann nichts wegwerfen, alles findet eine neue Form.
Heute habe ich aus vorhandenen Stoffresten von anderen Projekten dann eine weitere kleine Tasche für Schneidebretter genäht. Die sollte einen Reißverschluss bekommen – Endlosware, die ich in meinen Utensilien gefunden habe.
Auch hier: Nichts lief perfekt. Ich musste Nähte auftrennen. Neu denken. Neu beginnen. Am längsten habe ich gebraucht, um den Zipper auf den Reißverschluss zu setzen. Es war mühsam. Und gleichzeitig vollkommen klar: Diese Tasche wird fertig. Und sie ist fertig geworden – dieses Gefühl möchte ich festhalten.
Mein fotografisches Archiv: offen – unüberschaubar – ohne klares Ende.
Dort die Tasche: ein Anfang – ein Prozess – ein Abschluss.
Und genau dieser Abschluss hat eine Wirkung, die ich fast vergessen hatte: Ich halte etwas in der Hand und weiß: Ich habe es gemacht.
Ich habe verstanden, dass ich das gerade brauche.
Nicht als Ablenkung.
Nicht als Ausweichen.
Sondern als Gegenpol.
Als Beweis – nicht für andere, sondern für mich selbst –, dass ich beginnen, durchhalten und beenden kann.
Denn im Archiv fehlt genau das: dieser Moment des Fertigwerdens. Dort gibt es immer noch ein weiteres Bild, eine weitere Entscheidung, eine weitere Schicht. Es scheint kein Ende zu geben. Vielleicht liegt genau hier der Fehler: Dass ich vom Archiv etwas erwarte, was es nicht leisten kann.
Ein Ende.
Einen Abschluss.
Ein „fertig“.
Vielleicht geht es nicht darum, alles zu ordnen. Sondern darum, innerhalb dieses Unendlichen kleine Einheiten zu schaffen, die abgeschlossen sind. So wie eine Tasche. Nicht perfekt. Aber fertig. Und vielleicht ist das die eigentliche Erkenntnis dieser Tage: Ich brauche abgeschlossene Formen, um in Bewegung zu bleiben. Nicht als Ersatz. Sondern als Bedingung dafür, überhaupt weiterarbeiten zu können.
Die Tasche liegt jetzt vor mir. Sie ist nicht so ordentlich, wie ich es mir gewünscht habe. Aber sie ist da. Und sie sagt etwas sehr Einfaches, sehr Konkretes:
Du kannst es zu Ende bringen.