Sehr geehrter Herr Kerski,

Nordrhein-Westfalen wird 80 Jahre alt. Das Haus der Geschichte Nordrhein-Westfalen nimmt dieses Jubiläum zum Anlass, mit der Plakatausstellung „Zum Glück: NRW“ auf acht Jahrzehnte Landesgeschichte zurückzublicken. 80 Fotografien erzählen, wie es auf Ihrer Website heißt, von besonderen Momenten, die Nordrhein-Westfalen „geprägt, bewegt und verändert haben“. Ich habe mir diese Auswahl angesehen – zunächst mit Interesse, dann mit zunehmender Irritation. Meine Irritation richtet sich nicht gegen einzelne Fotografien. Sie richtet sich auf das Bild von Geschichte, das durch ihre Zusammenstellung entsteht.

Ich bin Fotografin und habe über viele Jahrzehnte gesellschaftliche Wirklichkeit in Nordrhein-Westfalen fotografiert. Vielleicht schaue ich deshalb anders auf solche Fotografien. Für mich sind es nicht einfach Abbilder dessen, „wie es gewesen ist“. Fotografien entstehen unter bestimmten Bedingungen. Jemand entscheidet, was berichtenswert ist. Jemand richtet die Kamera auf bestimmte Menschen und Situationen – und an anderen geht sie vorbei. Auch Archive bewahren deshalb nicht einfach Wirklichkeit. Sie bewahren eine Auswahl von Wirklichkeit. Und so frage ich mich beim Betrachten dieser 80 Fotografien: Welche Geschichte Nordrhein-Westfalens erzählen sie – und welche bleibt dabei unsichtbar?

Ein großer Teil der ausgewählten Fotografien wurde von Fotografen (ja, es waren nur Männer) der Rheinischen Post aufgenommen. Sie arbeiteten im Auftrag ihrer Redaktionen. Sie wurden zu Pressekonferenzen, politischen Ereignissen, Streiks, Sportveranstaltungen oder Staatsbesuchen geschickt. Was fotografiert wurde, hing auch davon ab, was eine Redaktion für berichtenswert hielt.

Politische Ämter, Unternehmensleitungen, Gewerkschaften und viele andere gesellschaftlich einflussreiche Bereiche waren über Jahrzehnte stark männlich geprägt. Die Fotografen (ja, es waren hauptsächlich Männer) arbeiteten innerhalb dieser Wirklichkeit. Mich interessiert: Was machen wir heute mit diesen Fotos? Denn im Jahr 2026 werden sie erneut ausgewählt. Achtzig Fotografien werden aus einem sehr viel größeren Bestand herausgenommen und zu einer visuellen Erzählung von 80 Jahren Nordrhein-Westfalen zusammengestellt.

Mit Begriffen wie „Demokratie“, „Pressefreiheit“, „Streikrecht“, „Innovation“, „Mitbestimmung“, „Meister“, „Brückenbau“, „Kumpel“, „Landesvater“ oder „Industrie“ wird einzelnen Fotografien historische Bedeutung zugewiesen. Und dabei fällt mir eine Asymmetrie auf:

Frauen kommen in dieser Ausstellung durchaus vor. Aber mir reicht die Frage nicht, ob Frauen auf den Fotografien zu sehen sind. Mich interessiert, in welchen Rollen sie sichtbar werden. Ein Bild aus dem Jahr 1949 zeigt Mitarbeiterinnen des Glanzstoffwerks in Oberbruch. Doch nicht ihre Arbeit im Werk wird zum historischen Moment. Wir sehen sie beim Kartoffelschälen für die Mittagspause.
1971 begegnet uns „Zum Glück: Mode“. Weitere historische Informationen sind zu diesem Foto nicht vermerkt.
1978 heißt ein Motiv „Zum Glück: Dauerwelle“. Bei den Friseur-Weltmeisterschaften, so die Beschreibung, kamen „die Damen reihenweise unter die Haube“.

Natürlich gehört all das zur Geschichte Nordrhein-Westfalens. Kartoffelschälen gehört zur Lebenswirklichkeit. Mode gehört zur Kulturgeschichte. Friseurhandwerk gehört zur Arbeitswelt ebenso wie zu Gestaltung und Konsum. Keines dieser Bilder stört mich für sich genommen. Was mich irritiert, ist ihre Stellung innerhalb dieser Auswahl. Denn wenn 80 Fotografien für 80 Jahre eines Landes stehen, beginne ich zu suchen: Wo sind die Frauen, die dieses Land politisch mitgestaltet haben? Wo sind Gewerkschafterinnen? Wo sind Arbeiterinnen bei ihrer Arbeit? Wo sind Unternehmerinnen, Wissenschaftlerinnen, Künstlerinnen, Journalistinnen und Politikerinnen? Wo ist die Frauenbewegung der 1970er- und 1980er-Jahre? Wo finden sich die Auseinandersetzungen um Gleichberechtigung, § 218, gleiche Bezahlung, Bildung, Berufstätigkeit, Kinderbetreuung oder körperliche Selbstbestimmung? Wo sehe ich Frauen als diejenigen, die handeln, entscheiden, kämpfen, produzieren, widersprechen, etwas durchsetzen? Natürlich gibt es in der Ausstellung Fotografien von Protest, Mitbestimmung und gesellschaftlichen Bewegungen. Mir geht es auch nicht darum, Frauen und Männer auf den 80 Fotos durchzuzählen. Mich interessiert etwas anderes: Wer erscheint in dieser Erzählung als Subjekt der Geschichte? 

Eine Frau kann auf einer Fotografie anwesend und dennoch nahezu unsichtbar sein. Sie kann mitten im Foto stehen, ohne dass ihre Arbeit, ihre politische Position oder ihre gesellschaftliche Bedeutung zum Gegenstand der Erzählung wird. Genau an dieser Stelle wird für mich ein historisches Pressebildarchiv besonders interessant. Denn es zeigt nicht nur, was geschehen ist. Es zeigt auch, was zu einer bestimmten Zeit für fotografierenswert gehalten wurde. Und plötzlich erzählen die fehlenden Fotografien ebenfalls etwas. Die Leerstelle wird selbst zur historischen Quelle.

Das halte ich für einen wichtigen Gedanken.

Wenn Frauen in einem Pressebildarchiv seltener als politische und gesellschaftliche Akteurinnen erscheinen, sagt das nicht zwangsläufig etwas über ihre tatsächliche Bedeutung für die Geschichte dieses Landes aus. Es sagt möglicherweise sehr viel mehr darüber aus, wie Öffentlichkeit damals organisiert war und was Eingang in eine Zeitung fand. Die Bedingungen, unter denen diese Fotografien entstanden, können wir heute nicht ändern. Wohl aber können wir entscheiden, wie wir mit diesem Material umgehen und welche Geschichte wir damit heute erzählen. Gerade darin sehe ich die Aufgabe eines Hauses der Geschichte.

Ein historischer Bildbestand kann gezeigt werden. Man kann aber zugleich sichtbar machen, unter welchen Bedingungen er entstanden ist. Wer fotografierte? In wessen Auftrag? Wer gehörte selbstverständlich zur öffentlichen Agenda? Wer wurde immer wieder fotografiert – und wer sehr viel seltener? Und vielleicht muss man dort, wo ein Bestand auffällige Leerstellen besitzt, auch nach anderen fotografischen Überlieferungen suchen. Denn diese anderen Fotografien existieren. Es gibt Fotografien von Arbeiterinnen, Demonstrantinnen, Politikerinnen, Gewerkschafterinnen, Künstlerinnen, Wissenschaftlerinnen und vielen anderen Frauen, die dieses Land mitgestaltet haben. Sie gehören ebenso zur Geschichte Nordrhein-Westfalens.

Ich möchte Kartoffeln, Mode oder Dauerwellen keineswegs aus dieser Geschichte entfernen. Im Gegenteil: Ich wünsche mir eine Geschichtsschreibung, in der Alltag ebenso vorkommt wie Politik und Industrie, das Private ebenso wie das Öffentliche. Aber dann möchte ich Frauen auch dort sehen, wo sie gehandelt haben. Nicht nur als diejenigen, denen Geschichte widerfährt. Sondern als diejenigen, die Geschichte gemacht haben. Und deshalb bleibt für mich nach dem Betrachten dieser Ausstellung eine Frage: Welches Bild von der Geschichte Nordrhein-Westfalens schreiben wir damit heute fort?

Historische Archive haben Leerstellen. Das kann nicht vermieden werden. Aber wir müssen diese Leerstellen nicht einfach ein zweites Mal übernehmen. Wir können sie erkennen und benennen und wir können andere Fotos danebenstellen. Das Haus der Geschichte Nordrhein-Westfalen stellt seine Arbeit unter den Leitgedanken „Demokratie, Vielfalt, Wandel“ und formuliert den Anspruch, das kulturelle Gedächtnis des Landes zu erweitern und zu vertiefen. Gerade deshalb erscheint mir diese Auseinandersetzung wichtig. Denn Vielfalt bedeutet für mich nicht allein, dass unterschiedliche Menschen auf Fotografien vorkommen. Es geht auch darum, wem wir zugestehen, in unserer Erinnerung als handelnde Person vorzukommen.

Herr Kerski, darüber halte ich eine öffentliche Auseinandersetzung für notwendig. Denn am Ende geht es um mehr als um 80 Fotografien. Es geht um die Frage, welche Fotografien wir auswählen, wenn wir uns erzählen, wer wir waren.

Und wer darin Geschichte machen durfte.

Beate Knappe
Frau. Mutter. Fotografin.

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