Kaum ein Begriff ist so häufig verwendet und zugleich so missverstanden worden. Lange habe auch ich gedacht, sie bedeute vor allem, freundlich mit sich selbst zu sein, sich anzunehmen und die eigene Unvollkommenheit zu akzeptieren. Heute verstehe ich sie anders. Ich glaube, Selbstliebe beginnt dort, wo wir aufhören, an unserer eigenen Wahrnehmung zu zweifeln.

In den vergangenen Monaten habe ich Fotografien aus mehr als sechs Jahrzehnten gesichtet, geordnet und beschrieben. Was zunächst wie reine Archivarbeit erschien, entwickelte sich zu einer Reise durch mein eigenes Leben. Dabei begegnete ich nicht nur den Bildern, sondern auch der Frau, die sie gemacht hat. Es war eine überraschende Begegnung.

Ich entdeckte Zusammenhänge, die mir während des Fotografierens nie bewusst gewesen waren. Werkgruppen wurden sichtbar. Themen kehrten über Jahrzehnte hinweg immer wieder zurück. Haltungen zeigten sich, die längst Teil meines Blicks geworden waren, ohne dass ich sie benennen konnte. Vor allem aber erkannte ich etwas, das weit über mein eigenes Werk hinausreicht. Meine Fotografien waren nie zufällig. Sie erzählten von meiner Art, die Welt zu sehen. Diese Erkenntnis hat mein Verständnis von Selbstliebe verändert.

Selbstliebe bedeutet für mich heute nicht mehr, mich ständig zu fragen, ob ich gut genug bin. Sie bedeutet, anzuerkennen, dass meine Erfahrungen, meine Wahrnehmung und mein Blick auf die Welt einen eigenen Wert besitzen. Nicht, weil andere ihn bestätigen. Sondern weil sie Ausdruck meines Lebens sind. Vielleicht haben viele von uns gelernt, der eigenen Wahrnehmung zu misstrauen. Wir vergleichen uns, suchen Bestätigung, orientieren uns an Urteilen anderer und verlieren dabei manchmal den Kontakt zu dem, was wir selbst längst wissen.

Gerade Frauen kennen dieses Gefühl.
Über Generationen hinweg wurden ihre Erfahrungen relativiert, ihre Beobachtungen als subjektiv bezeichnet und ihre Perspektiven häufig erst dann ernst genommen, wenn sie von anderen bestätigt wurden. Vielleicht beginnt Selbstliebe genau dort, wo wir diesen Mechanismus erkennen. Wo wir den Mut finden, zu sagen: Meine Sicht auf die Welt ist nicht weniger wert als die eines anderen.
Diese Einsicht verändert mehr, als ich lange geglaubt habe. Sie verändert den Blick auf das eigene Leben. Sie verändert die Erinnerung.
Während ich mein fotografisches Archiv erschloss, wurde mir bewusst, dass die Fotografien allein nicht alles erzählen. Sie brauchen auch die Perspektive derjenigen, die sie gemacht hat. Erst beide zusammen ergeben ein vollständigeres Bild.

Plötzlich verstand ich, dass dies nicht nur für mein Archiv gilt. Es gilt auch für uns selbst. Wir verbringen viel Zeit damit, uns durch die Augen anderer zu betrachten. Wir fragen, wie wir wirken, ob wir genügen, ob wir den Erwartungen entsprechen. Doch wie oft betrachten wir unser Leben aus unserer eigenen Perspektive? Wie oft vertrauen wir dem, was wir gesehen, erlebt und verstanden haben?
Vielleicht ist genau das die tiefste Form von Selbstliebe. Nicht Selbstoptimierung. Nicht Selbstbewunderung. Sondern die leise Entscheidung, der eigenen Erfahrung zu vertrauen.
Seit ich begonnen habe, mein Werk zu archivieren, habe ich nicht nur meine Fotografien besser kennengelernt. Ich habe begonnen, auch mir selbst mehr zu glauben. Und vielleicht ist genau das, das größte Geschenk, das diese Arbeit mir gemacht hat. Nicht die Gewissheit, alles richtig gemacht zu haben. Sondern die Freiheit, meiner eigenen Stimme einen Platz zu geben.
Vielleicht beginnt Selbstliebe genau dort.

In dem Moment, in dem wir erkennen, dass unsere Perspektive kein Randkommentar unseres Lebens ist. Sie ist eine seiner wichtigsten Quellen.

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