Ich erinnere mich an einen Artikel in der ZEIT vom 19. Juni 1992.

 

Eine hochqualifizierte Frau bewirbt sich auf eine Stelle an einer Hochschule. Im Bewerbungsgespräch sitzen ihr zwei ältere Männer gegenüber. Sie fragen sie nicht nach ihrer Arbeit. Nicht nach ihrer Kompetenz. Sie fragen, wer ihre Kinder versorgt und ob sie den Anforderungen der Stelle überhaupt gerecht werden kann, da sie vier Kinder hat und nicht verheiratet ist.

Dieser Artikel ist über dreißig Jahre alt. Ich erinnere mich, dass ich damals empört war und ihn aufgehoben habe. Heute lese ich ihn erneut und erkenne eine Struktur, die weiterhin wirksam ist.

Eine Verschiebung.
Weg von der Leistung.
Hin zur Person.
Zur Einordnung.

Dahin, wo ihre Kompetenz nicht mehr als selbstverständlich gilt. Ich kenne das. Auch ich erlebe, dass meine Kompetenz nicht selbstverständlich ernst genommen wird.

Es gibt Namen dafür.
Es gibt Bewegungen.

MeToo hat sichtbar gemacht, was lange übergangen wurde. Was kaum auszuhalten ist. Die Epstein Files haben dieses Gefühl noch einmal verstärkt.
Diese Unfassbarkeit.
Diese Sprachlosigkeit.

Der Fall Gisèle Pelicot. Ein Prozess, der sichtbar macht, was möglich ist. Und hier Visualisierung. Videos. Aufzeichnungen. Dokumente. Etwas hat sich verändert. 
Die Sichtbarkeit. Die Möglichkeit, sie zu zeigen. Sie zu verbreiten. Sie zu speichern.

Eine Reportage von Colleen Fernandez zum Thema digital sexualisierte Gewalt. Kein Aufschrei. Der kommt erst, als klar wird, dass der Täter ihr Ehemann war. Nicht mehr anonym.
Nicht mehr fern. Sondern im eigenen Bett.

Ich kann verstehen, warum das etwas verändert. Und gleichzeitig irritiert es mich. Warum braucht es diese Nähe, damit etwas als unerträglich erkannt wird?
Visualisierung ist Teil dieser Gewalt geworden.
Das ist neu.
Und es trifft mich.

Weil ich mit Fotos arbeite.
Weil ich sehe, wie Fotos benutzt werden. Und weil ich gleichzeitig sehe, dass Fotos nichts verhindern.

Nach diesem Prozess in Frankreich frage ich mich, wie es sein kann, dass Fotografinnen weiterhin Fotos veröffentlichen, die Frauen zeigen – halb nackt, hingelegt, verfügbar wirkend. Als hätte sich nichts verschoben. Ich verstehe das nicht. Und ich merke, dass sich in mir etwas verdichtet.

Der Artikel von 1992.
Meine eigene Erfahrung.
Diese aktuellen Fälle.
Es sind keine einzelnen Ereignisse.

Es ist eine Struktur.

Ich kann nicht sagen, dass sich nichts verändert hat. Aber ich kann auch nicht sagen, dass sich diese Struktur aufgelöst hat. Und genau darin liegt meine Ohnmacht.

Ich sehe es.
Ich erkenne es.
Ich kann es benennen.

Aber ich kann nicht verhindern, dass es sich fortschreibt. Es verändert sich etwas. Und es bleibt etwas.

Und ich stehe darin.

 

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