Ich werde in diesem Jahr 76 Jahre alt. Ich schreibe diesen Satz nicht als Information. Ich schreibe ihn als Ort. Ein Ort, von dem aus ich höre, was gesagt wird – und wie es gesagt wird.
In den letzten Tagen habe ich eine Debatte verfolgt, ausgelöst durch Verrisse von Büchern von Ildikó von Kürthy und Sophie Passmann durch Denis Scheck. Elke Heidenreich hat sich daraufhin zu Wort gemeldet. Nicht nur als Beobachterin. Sondern aus eigener Erfahrung. Denn auch ihr eigenes Buch über das Altern wurde von ihm über längere Zeit abgewertet. Sie stellt eine Frage, die hängen bleibt: „Gebührenfinanzierte Misogynie?“ 

Kritik gehört zur Literatur. Sie ist notwendig.
Aber ich habe beim Lesen nicht nur eine Kritik wahrgenommen. Ich habe einen Ton gehört. Und ich kenne diesen Ton.
Es ist kein offener Angriff.
Es ist keine klare Abwertung.
Es ist etwas Subtileres.
Ein Verschieben.

Ich erkenne darin eine Struktur: Weibliche Erfahrung wird nicht bestritten – aber daran gehindert, Bedeutung zu entfalten. 

Elke Heidenreich fragt, ob es hier noch um einzelne Urteile geht – oder um einen Blick, der darüber hinausgeht. Einen Blick auf Bücher von Frauen, der Gefühle als etwas behandelt, das man nicht ernst nehmen muss. Während Männer über das Altern schreiben dürfen, als ginge es um das Menschsein, werden ähnliche Texte von Frauen in einen anderen Raum verschoben. Ein Raum, in dem aus Erfahrung „Geschnatter“ wird. Ich habe das in meinem Leben oft erlebt.

Nicht laut.
Nicht eindeutig.
Aber spürbar.

Ein leichtes Absenken der Aufmerksamkeit.
Ein anderer Ton.
Ein Zweifel, der nicht ausgesprochen wird – und gerade deshalb wirkt.

Ich habe über Jahrzehnte gearbeitet. Ich habe Fotografien gemacht, die Frauen zeigen – nicht als Objekte, sondern als anwesende, handelnde Menschen in ihren Zusammenhängen. Und lange Zeit wurde das nicht als das gelesen, was es ist. Sondern als Thema. Als etwas, das man auch machen kann. Aber nicht muss. Der Unterschied ist klein. Und er ist entscheidend. Ein Werk stellt Fragen. Ein Thema beschäftigt sich mit etwas.

Am Ende ihres Textes greift Elke Heidenreich zu einem anderen Ton. Sie zitiert Christa Wolf – und lässt offen, wen sie meint. Es ist nur ein Satz. Aber er verändert die Richtung.

Nicht mehr nur Kritik an einem Verriss.
Sondern eine Frage nach Maßstäben.

Sie spricht davon, dass das, was hier geschieht, kein Tonfall ist. Es ist eine Verschiebung. Eine, die ich kenne. Und die ich nicht mehr akzeptiere. Ich akzeptiere das nicht mehr.
Ich habe an anderer Stelle von sich selbst überschätzenden Dilettanten gesprochen – hier ging es um Fotografie und Männer.
Christa Wolf schreibt: „den Ehrgeiz der Unbegabten an ihrem verzerrten Selbstgefühl“.

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