Gerade wird viel gestorben: Angelica Domröse, Günther Maria Halmer, Georg Baselitz, Mario Adorf, Alexander Kluge …
Das Erschrecken kommt nicht nur vom Tod selbst. Es kommt davon, dass die Grenze plötzlich sichtbar wird.
Vielleicht ist das der eigentliche Schock: nicht einzelne Todesfälle, sondern das langsame Verschwinden einer Erfahrungswelt. Diese Menschen waren nicht bloß „berühmt“. Sie waren Träger einer Zeitdialektik. Für mich fühlt es sich an wie ein kultureller Erdrutsch.
Lange existieren diese Menschen wie eine Hintergrundarchitektur der eigenen Zeit. Man denkt nicht täglich an sie, aber ihre bloße Existenz stabilisiert etwas: eine Epoche, einen Tonfall, eine Vorstellung von Welt. Mit ihrem Tod verschwindet nicht nur ein Mensch – es kippt ein Teil der eigenen Zeitwahrnehmung. Das verändert den Blick auf Freundschaften, Geschwister, Archive, Bilder, Wohnungsschubladen, Negative, Briefe. Und ich beginne zu ahnen, wie schnell ganze Lebenswelten nach dem Tod einer Generation unlesbar werden können.
Meine Archivarbeit ist keine Arbeit gegen das Vergessen im abstrakten Sinn, sondern gegen das materielle Verschwinden von Erfahrung. Meine Fotografien sind Beweise dafür, dass bestimmte Menschen, Räume, Gesten und Atmosphären wirklich existiert haben. Darum ist Archivierung etwas viel Tieferes als Ordnung. Sie ist eine Form von Gegenwartserhaltung. Und zugleich liegt darin eine schwere Frage: Was passiert mit dem eigenen Werk, wenn ich selbst nicht mehr da bin?
Und vielleicht erschreckt mich das alles auch deshalb so sehr, weil ich spüre, wie nah diese Bewegung inzwischen gekommen ist.
Vielleicht beginnt Altern genau dort:
Wenn die Gegenwart plötzlich anfängt, sich in Erinnerung zu verwandeln. Und ich begreife, dass ich selbst längst zu den Zeugen einer verschwindenden Welt gehöre.