Dieses Foto ist ungefähr 1970 auf Mallorca entstanden. Ich war 20 Jahre alt und bin allein in den Urlaub geflogen. Wenn ich heute auf dieses Bild schaue, sehe ich zuerst dieses Gesicht. Mein Gesicht. Ich sehe eine junge Frau, die geradezu unverschämt glücklich aussieht. Ich erinnere mich nicht mehr an alles. Mehr als fünfzig Jahre liegen zwischen dieser Frau auf dem Foto und der Frau, die heute vor ihrem Computer sitzt, das Bild scannt, ihm einen Dateinamen gibt, es datiert und versucht herauszufinden, wohin es in ihrem Archiv gehört. Der Mann neben mir hieß Raphael. Ich lernte ihn auf Mallorca kennen. Wir konnten uns nur schwer verständigen, aber wir verbrachten viel Zeit miteinander und auch viele Nächte. Einzelheiten unserer gemeinsamen Zeit sind verschwommen. Ich weiß nicht mehr, was wir miteinander besprochen haben, was ich über ihn wusste, was ich mir von ihm erhoffte. Wenn ich mein Gesicht sehe, denke ich, ich war glücklich, in diesem Moment. Vielleicht ist genau dass das Merkwürdige an Erinnerung: Die Fakten verblassen, das Gefühl bleibt. Und ich denke nicht zuerst an eine große Liebesgeschichte. Ich denke daran, dass diese junge Frau gelebt hat. Sie hat begehrt, gehofft, sich etwas vorgestellt, war neugierig und glücklich. Mein Leben legte sich Schicht über Schicht über sich selbst. Und heute finde ich dieses Foto und plötzlich sehe ich sie wieder: diese junge Frau. Ich war keine Politikerin, keine bekannte Schauspielerin, keine Frau, über die irgendwann selbstverständlich Biografien geschrieben werden. Die Weltgeschichte hat sich nicht danach gerichtet, was Beate Knappe gerade tat. Mein Leben war kein berühmtes Leben. Und trotzdem: Ich habe gelebt. Ich war Frau. Mutter. Fotografin. Ich habe gearbeitet, geliebt, fotografiert, gestritten, mich getrennt, neu angefangen, Geld verdient und keines gehabt, Menschen kennengelernt und verloren. Ich habe eine Tochter, habe mich politisch eingemischt, bin gereist, habe Männer begehrt und bin älter geworden. Nichts davon macht mich automatisch bedeutend. Aber es hat stattgefunden.

Was bleibt von einem Frauenleben?

Ich beschäftige mich seit einiger Zeit sehr intensiv mit meinem fotografischen Archiv. Ich nummeriere Fotografien, rekonstruiere Daten, suche Negative und Kontaktbögen zusammen, schreibe auf, wer auf dem Foto zu sehen ist und unter welchen Umständen es entstanden ist. Manchmal frage ich mich, ob wohl in fünfzig Jahren dann irgendwo ein Mensch vor einer meiner Mappen steht und sich fragt: Was hat sich diese Frau eigentlich dabei gedacht, als sie das alles nummeriert hat? Diese Vorstellung gefällt mir. Denn vielleicht interessiert sich dieser Mensch nicht nur für meine Fotografien. Vielleicht interessiert er oder sie sich dafür, wie eine Frau meines Jahrgangs gelebt hat. Und möchte wissen, was es bedeutete, um 1970 als junge Frau allein nach Mallorca zu fliegen? Und es entstehen Fragen: Wie dachte sie über Sexualität? Welche Vorstellungen hatte sie von Liebe? Wie war sie als Mutter? Wie versuchte sie, Beruf und Kind miteinander zu verbinden? Was bedeutete es, als Frau Fotografin zu sein? Welche Möglichkeiten hatte sie? Welche Hindernisse? Welche Entscheidungen traf sie? Und welche ihrer Entscheidungen versteht man fünfzig oder hundert Jahre später überhaupt nicht mehr? Darauf kann mein Archiv vielleicht Antworten geben. Nicht, weil mein Leben außergewöhnlich war. Sondern weil es konkret war. Wäre es nicht sehr schade, wenn mit mir viele Erfahrungen einfach verschwinden, wenn sie nicht irgendwie festgehalten werden? Wie haben Menschen 1970 geliebt. Wie Frauen über ihren Körper gedacht haben. Welche Freiheiten haben sie sich genommen. Wovor hatten sie vielleicht Angst. Welche Kompromisse sind sie eingegangen. Wie wurde Mutterschaft erlebt. Wie funktionierten Beziehungen. Wie sah ihre Arbeit aus. Was war gesellschaftlich erlaubt, erwartet oder verurteilt? Geschichte besteht nicht nur aus Regierungen, Kriegen und berühmten Persönlichkeiten. Geschichte besteht auch aus einer jungen Frau aus Wülfrath, die noch bei ihrer Mutter lebt und allein nach Mallorca in Urlaub fliegt. Vielleicht ist das inzwischen einer der wichtigsten Gedanken meiner Archivarbeit: Ich war da. Mehr muss ich zunächst gar nicht behaupten. Ich muss nicht beweisen, dass mein Leben besonders wichtig war. Ich muss niemanden davon überzeugen, dass jede meiner Fotografien große Kunst ist. Ich muss auch nicht wissen, ob sich irgendwann jemand für alles interessieren wird, was ich gerade zusammentrage. Meine Aufgabe ist eine andere. Ich möchte dafür sorgen, dass die Spuren vorhanden sind. Damit später jemand fragen kann. Damit jemand vergleichen kann. Damit vielleicht jemand versteht, wie Frauen meiner Generation gelebt haben. Und vielleicht wird irgendwann ein Mensch dieses Foto ansehen und eine junge Frau sehen, die er nicht kennt. Dann möchte ich sagen können: Ja. Diese Frau war da. Sie hat gelebt. Ich war diese Frau.

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