Was bleibt von einem Frauenleben?
Ich beschäftige mich seit einiger Zeit sehr intensiv mit meinem fotografischen Archiv. Ich nummeriere Fotografien, rekonstruiere Daten, suche Negative und Kontaktbögen zusammen, schreibe auf, wer auf dem Foto zu sehen ist und unter welchen Umständen es entstanden ist. Manchmal frage ich mich, ob wohl in fünfzig Jahren dann irgendwo ein Mensch vor einer meiner Mappen steht und sich fragt: Was hat sich diese Frau eigentlich dabei gedacht, als sie das alles nummeriert hat? Diese Vorstellung gefällt mir. Denn vielleicht interessiert sich dieser Mensch nicht nur für meine Fotografien. Vielleicht interessiert er oder sie sich dafür, wie eine Frau meines Jahrgangs gelebt hat. Und möchte wissen, was es bedeutete, um 1970 als junge Frau allein nach Mallorca zu fliegen? Und es entstehen Fragen: Wie dachte sie über Sexualität? Welche Vorstellungen hatte sie von Liebe? Wie war sie als Mutter? Wie versuchte sie, Beruf und Kind miteinander zu verbinden? Was bedeutete es, als Frau Fotografin zu sein? Welche Möglichkeiten hatte sie? Welche Hindernisse? Welche Entscheidungen traf sie? Und welche ihrer Entscheidungen versteht man fünfzig oder hundert Jahre später überhaupt nicht mehr? Darauf kann mein Archiv vielleicht Antworten geben. Nicht, weil mein Leben außergewöhnlich war. Sondern weil es konkret war. Wäre es nicht sehr schade, wenn mit mir viele Erfahrungen einfach verschwinden, wenn sie nicht irgendwie festgehalten werden? Wie haben Menschen 1970 geliebt. Wie Frauen über ihren Körper gedacht haben. Welche Freiheiten haben sie sich genommen. Wovor hatten sie vielleicht Angst. Welche Kompromisse sind sie eingegangen. Wie wurde Mutterschaft erlebt. Wie funktionierten Beziehungen. Wie sah ihre Arbeit aus. Was war gesellschaftlich erlaubt, erwartet oder verurteilt? Geschichte besteht nicht nur aus Regierungen, Kriegen und berühmten Persönlichkeiten. Geschichte besteht auch aus einer jungen Frau aus Wülfrath, die noch bei ihrer Mutter lebt und allein nach Mallorca in Urlaub fliegt. Vielleicht ist das inzwischen einer der wichtigsten Gedanken meiner Archivarbeit: Ich war da. Mehr muss ich zunächst gar nicht behaupten. Ich muss nicht beweisen, dass mein Leben besonders wichtig war. Ich muss niemanden davon überzeugen, dass jede meiner Fotografien große Kunst ist. Ich muss auch nicht wissen, ob sich irgendwann jemand für alles interessieren wird, was ich gerade zusammentrage. Meine Aufgabe ist eine andere. Ich möchte dafür sorgen, dass die Spuren vorhanden sind. Damit später jemand fragen kann. Damit jemand vergleichen kann. Damit vielleicht jemand versteht, wie Frauen meiner Generation gelebt haben. Und vielleicht wird irgendwann ein Mensch dieses Foto ansehen und eine junge Frau sehen, die er nicht kennt. Dann möchte ich sagen können: Ja. Diese Frau war da. Sie hat gelebt. Ich war diese Frau.