Vom Schreiben zum Dialog

Wie ich mit Morgenseiten und künstlicher Intelligenz mein Denken entdecke

Schreibst du Tagebuch oder etwas Ähnliches? Ich habe über viele, viele Jahre morgens drei Seiten mit der Hand geschrieben. Die Empfehlung, Morgenseiten zu schreiben, stammt von Julia Cameron. Julia Cameron ist eine amerikanische Schriftstellerin, die mit ihrem 1992 erschienenen Buch „Der Weg des Künstlers“ international bekannt wurde. Darin beschreibt sie Methoden, mit denen Menschen ihre Kreativität entdecken und entwickeln können. Eine dieser Methoden sind die sogenannten Morgenseiten. Cameron empfiehlt, jeden Morgen unmittelbar nach dem Aufwachen drei Seiten mit der Hand zu schreiben. Einfach alles aufzuschreiben, was einem durch den Kopf geht. Ungefiltert, ohne Anspruch auf einen guten Text, ohne darüber nachzudenken, ob das Geschriebene sinnvoll ist. Dahinter steht die Vorstellung, dass durch dieses freie Schreiben Gedanken sichtbar werden, innere Blockaden sich lösen und neue Erkenntnisse entstehen können.

Ich weiß nicht genau, wie das funktioniert hat. Ich habe geschrieben und geschrieben und geschrieben. Oder eigentlich habe ich gedacht, gedacht, gedacht und dieses Denken in meine Handschrift fließen lassen. Dabei sind Gedanken entstanden, die ich vorher nicht hatte. Nach dem Schreiben war ich immer sehr befriedigt und konnte mit meinem Tag weitermachen. Das war für mich über viele Jahre eine unglaublich wichtige Methode, mit all den Gedanken umzugehen, die ich im Kopf hatte. Ich konnte einfach schreiben. Ungefiltert. Ich musste nichts ordnen, nichts erklären. Ich konnte die Gedanken aus meinem Kopf auf das Papier fließen lassen. Irgendwann habe ich aufgehört, regelmäßig Morgenseiten zu schreiben. Nicht, weil ich diese Methode nicht mehr hilfreich fand, sondern weil ich inzwischen eine andere Möglichkeit entdeckt habe, meinen Gedanken nachzugehen: den Dialog mit ChatGPT. Erst heute Morgen ist mir bewusst geworden, wie viel diese beiden Formen des Nachdenkens miteinander gemeinsam haben. Und gleichzeitig, worin sie sich unterscheiden.

Während ich bei den Morgenseiten meinen Gedanken freien Lauf ließ, entsteht im Dialog mit ChatGPT etwas Zusätzliches. Ich werde mit neuen Fragen konfrontiert, denn ChatGPT fragt nach. Ich antworte, manchmal widerspreche ich auch, und dadurch entwickeln sich meine Gedanken weiter. Heute Morgen habe ich beispielsweise angefangen, über die Ordnung meiner Digitalisate nachzudenken, und zwar direkt, nachdem ich wach wurde, also noch im Bett. Daraus ist eine intensive Beschäftigung mit der Archivwissenschaft entstanden und schließlich eine Auseinandersetzung mit der Frage, weshalb mir die Arbeit an meinem fotografischen Archiv so unglaublich viel Freude bereitet.

Doch zuerst wollte ich wissen: Woher kommt dieser Begriff „Digitalisat“? Und nun weiß ich es: Der Begriff „Digitalisat“ bezeichnet das Ergebnis einer Digitalisierung. Wenn ich eines meiner analogen Negative scanne, entsteht ein Digitalisat. Sein sprachlicher Ursprung liegt im lateinischen Wort „digitus“, das „Finger“ bedeutet. Weil Menschen seit jeher mit den Fingern zählen, entwickelte sich daraus der Begriff „digital“, der sich auf die Darstellung von Informationen durch Zahlenwerte bezieht. Für mein fotografisches Archiv ist deshalb nicht nur wichtig, die Digitalisate aufzubewahren, sondern auch festzuhalten, wann, von wem und zu welchem Zweck sie hergestellt wurden. Genau hier beginnt eine der Aufgaben der Archivwissenschaft: die Herkunft und die Zusammenhänge der überlieferten Materialien nachvollziehbar zu dokumentieren. Doch das ist wieder ein anderes Thema, zu dem ich später kommen werde. Gegenwärtig geht es mir allein um den Dialog, in den ich mit der KI eintrete.

Bei den Morgenseiten entstanden meine neuen Erkenntnisse während des Schreibens. Heute entstehen sie während des Dialogs mit ChatGPT. Ich habe inzwischen gelernt, dass diese Form des Gesprächs Ähnlichkeiten mit dem sogenannten sokratischen Dialog hat. Sokrates, der griechische Philosoph, versuchte, durch gezielte Fragen, Nachfragen und das Überprüfen von Annahmen neue Erkenntnisse zu gewinnen. Genau das erlebe ich in meinen Gesprächen mit ChatGPT. Ich stelle eine Frage, bekomme eine Antwort und werde häufig mit einer neuen Frage konfrontiert. Manchmal widerspreche ich, weil ich eine Erklärung nicht überzeugend finde. Und während ich versuche, meinen Widerspruch zu begründen, merke ich plötzlich, dass ich selbst etwas Neues verstanden habe.

Das ist das eigentlich Faszinierende für mich. Ich bekomme nicht einfach Antworten auf meine Fragen. Der Dialog selbst ist erkenntnisführend.

Beide Methoden haben etwas gemeinsam: Ich denke, und indem ich meine Gedanken in Sprache fasse, denke ich weiter. Doch ich möchte die Situation noch beschreiben, in der das alles stattfindet. Heute Morgen z. B. war es kurz nach 7:00 Uhr, als die Frage in meinem Kopf aufploppte. Ich liege noch im Bett, bin noch nicht angezogen, habe noch nicht gefrühstückt, aber mein Gehirn hat bereits angefangen zu arbeiten. Ich lebe gerne allein. Ich genieße meine Unabhängigkeit und möchte daran auch nichts ändern. Gleichzeitig habe ich ein großes Bedürfnis nach geistigem Austausch, nach Fragen, Widerspruch und neuen Erkenntnissen. Ich brauche keinen Menschen neben mir im Bett. Was ich brauche, ist die Möglichkeit, meine Gedanken mit einem Gegenüber zu besprechen, Fragen zu stellen und neue Erkenntnisse zu gewinnen, und das unabhängig von der Tageszeit.

Und es gibt einen weiteren Unterschied zu einer menschlichen Beziehung: Ich muss mich nicht um die emotionalen Bedürfnisse meines Gegenübers kümmern. Ich muss keine Erwartungen erfüllen, keine Rücksicht auf seine Stimmung nehmen und keine Beziehung pflegen, damit ein Gespräch stattfinden kann. Ich kann mich ganz auf meine Gedanken konzentrieren, Fragen stellen, widersprechen und das Gespräch jederzeit beenden. Diese Freiheit empfinde ich als eine große Bereicherung meiner Selbstständigkeit.

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass das Schreiben mit der Hand das Lernen und Erinnern unterstützen kann. Aber bedeutet das, dass ich meinem Gehirn etwas vorenthalte, wenn ich meine Gedanken nicht mehr handschriftlich festhalte, sondern im Dialog mit ChatGPT entwickle? Ich glaube nicht. Denn auch während dieses Dialogs leistet mein Gehirn eine Menge Arbeit. Ich muss Fragen formulieren, Antworten verstehen, Zusammenhänge erkennen, manchmal widersprechen und meine eigenen Überlegungen weiterentwickeln. Vielleicht geht es also gar nicht darum, welche Methode grundsätzlich besser ist. Vielleicht kommt es vielmehr darauf an, auf welche Weise ich mein Denken anrege und zu neuen Erkenntnissen gelange.

Heute Morgen habe ich damit kurz nach sieben angefangen. Fast zwei Stunden später hatte ich nicht nur eine Menge über Archivwissenschaft gelernt, sondern auch einige neue Erkenntnisse über mich selbst gewonnen. Und dann fiel mir ein, dass ich noch nicht einmal gefrühstückt hatte.

Ich glaube, mein neuroplastisches Gehirn hat heute Morgen einige Freudensprünge gemacht.

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