Manchmal lese ich auch gedruckte Texte, obwohl ich ja ein visuell reagierender Mensch bin. So habe ich vor einiger Zeit erstmals vom Ausmaß der Kreuzzüge erfahren. Ich wusste zwar, dass es sie gegeben hatte, doch über ihre tatsächliche Grausamkeit wusste ich nicht sehr viel. Mein Nichtwissen erschüttert mich immer sehr.

Heute nun habe ich beim Frühstück im ZEITmagazin vom 15. Januar 2026 ein Gespräch mit dem Historiker Götz Aly gelesen. Es ging um unsere Vergangenheit und darum, wie das nationalsozialistische Deutschland möglich werden konnte. Und die Zahlen der Ermordeten und Kriegstoten haben mich wieder sehr erschüttert.

Angesichts einer erstarkenden AfD und der Politikverdrossenheit, die ich wahrnehme, halte ich es für wichtig, sich mit der Vergangenheit und der Frage „Wie war das möglich?“ zu beschäftigen.

Die Frage beschäftigt mich auch mit Blick auf uns heute: Was nehmen wir hin? Wann widersprechen wir? Und wann schauen wir lieber weg, weil uns etwas nicht selbst betrifft?

Bei Instagram lese ich eine Meldung, die mich nicht loslässt: Ein drei Monate altes Baby soll abgeschoben werden, weil der Asylantrag seiner Eltern abgelehnt worden sei. Die Eltern hätten sich dagegen gerichtlich gewehrt. Ihre Abschiebung sei daraufhin ausgesetzt worden, die des Babys jedoch nicht.

Ich frage mich, wie eine solche Entscheidung zustande kommen kann. Wer sieht in diesem Verfahren das Kind und seine Familie? Und wer übernimmt die Verantwortung für das, was eine solche Entscheidung anrichten würde?

Ich bin geradezu angeekelt und verzichte darauf, das moralisch unterlegte Adjektiv „bestürzt“ zu verwenden.

Der Historiker Götz Aly sagt in dem Gespräch im ZEITmagazin: „Natürlich wird sich das alles nicht wiederholen mit Judenvernichtung und Gaskammern.“ Mich beruhigt dieser Satz nicht. Auch angesichts dessen, was ich gerade gelesen habe.

Vielleicht hat mich deshalb gerade eine Fernsehserie wieder so gepackt, in der Menschen darum ringen, was eine Nachricht ist und was wir wissen sollten. Ich schaue schon lange keine Nachrichtensendungen im Fernsehen mehr. Aber mein Bedürfnis, zu verstehen, was um mich herum geschieht, ist dadurch nicht verschwunden.

Gerade sehe ich mir erneut „The Newsroom“ von Aaron Sorkin an. Ein Märchen für Erwachsene, denke ich manchmal. Nicht, weil die Nachrichten darin erfunden wären – viele der Ereignisse sind real. Märchenhaft erscheint mir der Anspruch der Redaktion, ihrem Publikum etwas zuzumuten: komplizierte Zusammenhänge, unbequeme Fakten und die Aufforderung, sich ein eigenes Urteil zu bilden.

Die amerikanische TV-Serie lief von 2012 bis 2014 auf HBO und umfasst drei Staffeln mit insgesamt 25 Folgen. Ich hatte sie schon einmal gesehen. Da ich ein Aaron-Sorkin-Fan bin und mir gerade wieder einige Folgen von „The West Wing“ angesehen hatte, dachte ich, das wäre eine gute Idee. Über meine Begeisterung für „The West Wing“ habe ich schon öfter geschrieben.

Im Mittelpunkt von „The Newsroom“ steht die Nachrichtensendung „News Night“ des fiktiven US-Kabelsenders ACN – Atlantis Cable News. Moderator Will McAvoy und sein Redaktionsteam versuchen, verlässliche und gesellschaftlich relevante Nachrichten zu machen. Dabei geraten ihre journalistischen Ansprüche mit Einschaltquoten, wirtschaftlichen Interessen und persönlichen Beziehungen aneinander.

Die Serie greift reale Nachrichtenereignisse auf, darunter die Deepwater-Horizon-Ölkatastrophe, die Tötung Osama bin Ladens, die US-Präsidentschaftswahl 2012 und der Anschlag auf den Boston-Marathon. Daneben gibt es erfundene Recherchegeschichten. Typisch für Sorkin sind schnelle Wortwechsel, lange Reden und Figuren mit starken Überzeugungen. Auch Liebesgeschichten und persönliche Konflikte gehören dazu.

Obwohl „The Newsroom“ vor mehr als zehn Jahren entstanden ist, kommen mir viele der Fragen sehr gegenwärtig vor: Es geht um Rassismus und Lobbyismus, um den Umgang mit Fakten und darum, wie viel eigene Meinung Nachrichtenmoderator:innen zeigen dürfen. Und immer wieder um die Frage, welchen Einfluss Einschaltquoten darauf haben, was wir zu sehen bekommen.

Warum kenne ich so wenige deutsche Serien, die davon erzählen, wie Politik und öffentliche Meinung in unserem Land gemacht werden? Ich würde mir das ansehen. Eine solche Serie könnte zeigen, wer welche Interessen verfolgt, wie Entscheidungen zustande kommen und welche Folgen sie für einzelne Menschen haben. Ich weiß nicht, ob sie auch Menschen erreichen würde, die sich von der Politik abgewandt haben oder aus Protest die AfD wählen. Aber ich merke an mir selbst, dass Geschichten mich neugierig machen und dazu bringen, genauer hinzusehen.

Mein eigenes Nichtwissen erschüttert mich immer wieder. Doch Erschütterung allein hilft mir bislang nicht, etwas zu verstehen. Dafür brauche ich Menschen, die nachfragen, Zusammenhänge erklären und um Antworten ringen. Vielleicht sehe ich deshalb so gern „The Newsroom“.

Und bei aller Politikverdrossenheit gibt es auch Menschen, die sich einmischen, sich organisieren und Gehör verschaffen. Das macht mir Hoffnung.

Melden Sie sich hier zu meinem Newsletter an und bleiben Sie informiert.

You have Successfully Subscribed!