Endlich muss ich nicht ständig meine Energie in Anpassung investieren.
Meine Zeit.
Mein Rhythmus.
Meine Entscheidungen.
Meine Aufmerksamkeit.
Viele Jahre war ich bemüht
- die kompetente Mitarbeiterin
- die gute Mutter
- die Partnerin
- die organisierte Erwachsene
- die Frau, die „nicht zu viel“ ist
zu sein. Heute liebe ich es, das alles nicht mehr zu müssen. Ich muss mich nicht fragen, was von mir übrig bleibt, wenn diese Rollen wegfallen, denn ich kenne die Antwort ziemlich deutlich: sehr viel.
Ich habe Bücher veröffentlicht, einen Podcast, einen Youtube-Kanal und diesen Blog. Auch wenn ich manchmal erschrocken feststelle: Ich bin alt, liebe ich das Leben, das ich im Moment führe.
Gestern ist mir das noch einmal in aller Deutlichkeit bewusst geworden, da war ich in einer Selbsthilfegruppe für Frauen mit ADHS. Ich wollte wissen, ob das für mich eine Möglichkeit ist, unter Betroffenen zu sein.
Was hat es mir gebracht? Gesehen habe ich eine Gruppe von Frauen, die mehr als 25 Jahre jünger waren als ich.
Ich glaubte, Formen von Maskierung wahrzunehmen – dieses Bemühen, nicht zu viel Raum einzunehmen, zu funktionieren, Erwartungen zu erfüllen. Und gleichzeitig wurde mir bewusst: Diese Frauen stehen in Lebensphasen, in denen viele Anforderungen gleichzeitig wirken.
Und dann ich: eine Frau kurz vor 76, mit einem abgeschlossenen Berufsleben, einem sichtbaren Werk, mit einem eigenen Tempo, einer eigenen Wohnung voller Archiv und Arbeit und, das ist besonders wertvoll, ohne die tägliche Verpflichtung, sich in fremde Systeme einzupassen.
Auch wenn ich mich in den vergangenen Wochen oft gefragt habe: „Warum funktioniere ich nicht wie andere?“, denke ich nun, dass die Frage eigentlich lauten müsste: „Wie funktioniert mein Leben, wenn ich es endlich passend zu mir gestalte?“
Vielleicht war die Gruppe weniger ein Ort, an dem ich etwas über ADHS gelernt habe – sondern ein Spiegel, in dem sichtbar wurde, dass ich nicht mehr am Anfang der Frage stehe: „Wie passe ich mich trotz ADHS an?“ Sondern bei einer viel späteren: „Was von mir wird frei, wenn ich aufhöre, mich ständig anzupassen?“
Es geht heute um die Inbesitznahme meines eigenen Lebens
Inbesitznahme heißt ja: Da war etwas vielleicht lange nicht vollständig in der eigenen Verfügung. Nicht, weil es weg war – sondern weil so viele andere Kräfte daran gezogen haben:
- Erwartungen der Familie
- Bilder davon, wie eine Frau zu sein hat
- Beruf und Existenzsicherung
- Partnerschaften
- Mutterschaft
- finanzielle Verantwortung
- gesellschaftliche Maßstäbe von Erfolg
- der Versuch, „richtig“ zu sein
Mit fast 76 Jahren entdecke ich nicht, was weniger geworden ist. Ich entdecke, was nicht mehr verdeckt wird. Manchmal braucht es einen Raum voller Menschen, die einem ähnlich sind, um zu begreifen, wie sehr man das eigene Leben inzwischen bewohnt.
In dieser Gruppe von Frauen mit der Diagnose ADHS habe ich Folgendes beobachtet: Sie sind noch mitten in Beruf, Familie und Partnerschaft.
Ich bin heute freier, weil ich vieles bereits gelebt habe.
Ich habe Verantwortung getragen.
Ich habe geliebt.
Ich habe gearbeitet.
Ich habe gekämpft.
Und jetzt gehört meine Zeit mir.
Und ich liebe es.