Meine tägliche autobiografische, emotionale und archivierende Arbeit ist neurobiologisch Hochleistungsarbeit

 

Von außen betrachtet sitze ich oft einfach nur an meinem Schreibtisch. Ich ordne Bilder, schreibe Texte, sehe Fotografien durch, öffne alte Ordner, lese Notizen, sortiere Erinnerungen. Doch das, was dabei in meinem Inneren geschieht, ist weit komplexer.
Meine Arbeit besteht nicht nur aus Ordnen, Erinnern oder Schreiben. Während ich mich durch Fotografien, Texte, Gegenstände und frühere Lebensphasen bewege, aktiviere ich gleichzeitig mehrere der energieintensivsten Systeme des Gehirns: autobiografisches Gedächtnis, emotionale Verarbeitung, visuelle Rekonstruktion, sprachliche Verdichtung, zeitliche Einordnung, Identitätsarbeit und ästhetische Entscheidung.

Erinnerung ist kein statisches Archiv. Jedes Erinnern ist eine Neuerzeugung.

Wenn ich alte Bilder betrachte oder Texte lese, tauchen nicht nur Informationen wieder auf. Es kehren Atmosphären zurück, Körperzustände, frühere Selbstbilder, Beziehungen, ungelöste Spannungen und Wahrnehmungswelten vergangener Jahre. Das Gehirn rekonstruiert dabei nicht nur Ereignisse – es rekonstruiert innere Zustände. Gleichzeitig versuche ich auszuwählen, zu strukturieren, sprachlich zu formen und historische Zusammenhänge herzustellen. Ich suche nach einer Form, die dem gelebten Leben gerecht wird, ohne es zu glätten oder zu vereinfachen.
Besonders intensiv ist dabei die Arbeit mit Fotografien. Fotografie ist niemals nur Information. Bilder tragen Zeit in sich. Sie speichern Atmosphären, Blickzustände, Nähe, Verlust, Altern und manchmal sogar die stille Gewissheit von Vergänglichkeit. In vielen Fotografien liegt ein Beweis von Existenz – nicht nur der fotografierten Menschen, sondern auch der Fotografin selbst.
Vielleicht ist fotografisches Archivieren deshalb so erschöpfend.

Es gibt kaum natürliche Endpunkte. Erinnerungen lassen sich nicht endgültig abschließen. Mit jedem Bild öffnen sich weitere Verbindungen, weitere Zeiten, weitere innere Räume. Dadurch entsteht oft eine paradoxe Mischung aus Müdigkeit und Überwachheit: geistige Erschöpfung trotz äußerer Ruhe, unterschwellige Daueranspannung, Schlafstörungen und das Gefühl, innerlich niemals ganz aus der Arbeit herauszutreten.

Ich arbeite deshalb nicht einfach „an Erinnerungen“. Ich bewege täglich hochverdichtete emotionale, visuelle und identitätsbezogene Netzwerke — und versuche, ihnen eine Form zu geben.

In den vergangenen Tagen habe ich verstanden, wie wichtig dabei auch Formen der Regulation sind. Für mich war das überraschenderweise das Nähen. Die rhythmische Arbeit mit den Händen, das Wiederholen kleiner Bewegungen, Stoffe, Fäden und langsame Konzentration wirkten beruhigend auf mein Nervensystem. Es entstand eine andere Zeit. Eine stillere.

Und gleichzeitig geschah etwas Unerwartetes: Mit den Bewegungen kehrten auch Erinnerungen zurück. Gefühle und innere Zustände aus einer Zeit vor zwanzig Jahren, die offenbar im Körper und in bestimmten Tätigkeiten gespeichert geblieben waren. Vielleicht tragen kreative Handlungen immer auch Erinnerung in sich. Nicht nur gedanklich, sondern körperlich. Manche Tätigkeiten beruhigen uns gerade deshalb, weil sie mit früheren Erfahrungen, Schutzräumen oder vergangenen Versionen unseres Selbst verbunden sind.
So wurde das Nähen für mich zugleich zu einem Ort der Regulation und zu einem Resonanzraum alter Gefühle.
Diese Erfahrung hat mir noch einmal gezeigt, dass autobiografische und künstlerische Arbeit nicht nur im Denken stattfindet. Sie bewegt sich ebenso durch Körper, Erinnerung, Gegenstände und alltägliche Handlungen.

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