Literarisches Protokoll eines Nervensystems, das versucht, aus der permanenten Möglichkeit wieder in die Wirklichkeit zurückzufinden.
Zu viele Möglichkeiten.
Jede davon mit einem eigenen Dringlichkeitsgefühl. Noch bevor ich aufgestanden bin, entsteht daraus ein inneres Gedränge, das mich manchmal bewegungsunfähig macht.
Gestern war ein anstrengender Tag für mich, so wie die Tage und die Woche zuvor eben auch. Gestern habe ich mich gedanklich und schriftlich mit meiner ADHS beschäftigt. Das war klärend und traurig zugleich.
Das Betreten von immer neuen Erkenntnisräumen scheint mein neues „Hobby“ zu sein und nie aufzuhören.
Den Antrag auf Förderung meines Projektes „Werkverzeichnis“ habe ich final ausgefüllt. Es musste noch ein Dossier geschrieben werden, und eine Excel-Tabelle zum Thema Finanzierung. Dann kam der Moment, an dem alles ausgefüllt und geprüft war und ich den Button „senden“ gedrückt habe. Ich kann keine konkreten Gefühle dieses Moments benennen, ich weiß nur so viel, dass da so viel Adrenalin war, dass ich gleich einen weiteren Antrag auf Förderung stellen wollte. Doch ich konnte mich stoppen und dann kam der Absturz.
Darauf war ich nicht vorbereitet. Scrollen, Kaffee und Cantuccini haben mich dann über die nächsten Stunden gebracht, bis ich endlich ins Bett gehen und schlafen konnte.
Als ich heute Morgen wach wurde, erinnerte ich mich an einen Traum, den ich wohl in der Nacht hatte. Und zwar habe ich geträumt, ich hätte einen Brief bekommen, und als ich ihn öffnete, entdeckte ich, dass da ganz viel Papier drin war. Und Harvard schickt nur ganz viel Papier, wenn sie einen aufnehmen. Das heißt, ich bin in Harvard aufgenommen worden als Studentin. Zuvor war ich abgelehnt worden, und dann kannte ich jemanden, der jemanden kannte, der jemanden kannte, der das wohl organisiert hat, dass ich doch in Harvard studieren durfte, konnte, wollte. Ein absolut schräger Traum war das, aber irgendwie auch witzig, oder?
Genauso funktionieren Träume. Das Gehirn erfindet etwas, das im Traum absolute Wahrheit besitzt. Mit fast 76 werde ich nicht wieder studieren und vor allem nicht in den USA.
Natürlich ging es in diesem Traum nicht wirklich um Harvard.
Die Harvard University. Nicht irgendeine Hochschule. Sondern der globale Mythos von Legitimation, Intelligenz, Elite, Zugehörigkeit.
Damit wurde mir klar: Das war gestern für mein Nervensystem keine Kleinigkeit. Darum ist es vollkommen richtig, wenn ich es heute ruhig angehen lasse, damit ich wieder in meiner konkreten Wirklichkeit ankommen kann.
Eine Ausstellung, die ich noch sehen möchte.
Einkaufen müsste ich auch.
Vorkochen.
Aufräumen.
Nähen.
Das schöne Wetter. Spazieren gehen?
Oder doch lieber ins Gym?
Eine Suppe kochen. Kaiserschmarrnrezept ausprobieren.
Mit anderen Worten: Ich muss ganz dringend den STOPP-Button drücken und dieses Ich-sollte-könnte-müsste-Karussell anhalten.
Vielleicht sollte ich mich einfach treiben lassen, von Reiz zu Reiz, und nur das tun, was mir gerade ins Auge springt?
Eine Suppe kochen.
Äpfel dünsten.
Kaiserschmarrnrezept ausprobieren.
Etwas aufräumen.
Diese Dinge verlangen keine Selbstdefinition.
Sie müssen nicht optimiert werden.
Sie sind einfach da.
Dann klingelt der Postbote und meine Schwester ruft an und schon bin ich raus.