Am Morgen beginnt die Gedankenkaskade

Am Morgen entscheidet sich viel für mich.
In der Phase des langsam Wachwerdens fängt in meinem Kopf diese Gedankenkaskade an. Erst einzelne Gedanken, dann Assoziationen, Erinnerungen, Ideen, Formulierungen. Daraus entstehen Ketten. Eine Idee zieht die nächste nach sich. Manchmal genügt ein Bild, ein Satz, ein Geräusch oder ein Blick auf das Handy, und mein Gehirn beginnt sofort, Verbindungen herzustellen. Das Problem ist nicht, dass ich denke. Das Problem ist: Mein Gehirn behandelt Gedanken nicht wie Möglichkeiten, sondern wie Dringlichkeiten. Eine Idee fühlt sich nicht optional an. Sie fühlt sich lebendig an. Sofort.
Lange habe ich geglaubt, genau darin liege mein persönlicher Fehler. Zu chaotisch. Zu intensiv. Zu sprunghaft. Nicht diszipliniert genug. Ich habe diese Zuschreibungen irgendwann übernommen wie Tatsachen. Heute sehe ich mein Leben etwas anders.

Mein Problem war vielleicht nie mangelnder Wille

In den letzten Monaten habe ich begonnen, mich intensiver mit ADHS zu beschäftigen. Nicht, weil ich mich pathologisieren möchte. Und auch nicht, weil ich unbedingt eine Diagnose brauche. Sondern weil ich verstehen möchte, warum bestimmte Dinge in meinem Leben immer wieder auf ähnliche Weise verlaufen sind. Je mehr ich lese und höre, desto öfter erkenne ich mich wieder. Nicht in oberflächlichen Klischees, sondern in inneren Zuständen: in Gedankensprüngen, in dieser schwer erklärbaren inneren Unruhe, in der Gleichzeitigkeit von kreativer Intensität und organisatorischer Überforderung, im Verlust von Zeitgefühl, in der Erschöpfung durch ständige Kompensation.
Meine Hyperaktivität ist nie laut, denn sie spielte sich innen ab.
Als ich begann, mich mit Aufmerksamkeit und Dopamin zu beschäftigen, verstand ich plötzlich etwas Entscheidendes: Mein Problem war vielleicht nie mangelnder Wille. Mein Gehirn schien nur ständig damit beschäftigt zu sein, aus der Flut von Reizen auszuwählen, was wichtig ist – und was nicht.
In meinen Schulzeugnissen stand oft: Beate stört durch Schwatzen mit der Nachbarin. Das ist aufgefallen, jedoch nicht, dass ich Legasthenikerin bin. Das weiß ich seit über zwanzig Jahren – heute bin ich fast 76 Jahre alt. Während meiner Schulzeit war Legasthenie nicht bekannt. Meine Rechtschreibschwäche galt einfach als Defizit. Was dazu führte, dass ich bei meiner Berufswahl nach 8 Jahren Volksschule selbst entscheiden durfte.
Ich wollte Fotografin werden.

Aus meiner heutigen Sicht war das wahrscheinlich eine sehr kluge Entscheidung. Fotografie bedeutete Abwechslung, Bewegung, neue Situationen, neue Menschen. Kein Tag war wie der andere. Und trotzdem blieb da immer dieses Gefühl, mit mir stimme etwas nicht. Denn gespiegelt wurde mir vor allem:
zu emotional,
zu langsam,
zu viel,
zu unordentlich,
zu empfindlich.

Was mir auffällt, ist jedoch, dass ich gleichzeitig leistungsfähig war. Hochsensibel bin ich vermutlich ebenfalls, auch wenn mir das erst sehr spät bewusst wurde. Nach Jahren als angestellte Fotografin arbeitete ich freiberuflich, studierte und führte mein Portraitstudio, produzierte Bildbände und schrieb eine Autobiografie. Heute denke ich, dass genau jene intensive Form von Aufmerksamkeit, die mich im Alltag oft erschöpfte, auch die Quelle meiner kreativen Arbeit ist. Wenn ich an einem Projekt arbeitete, verschwand die Welt um mich herum. Beim vorletzten Bildband geriet ich rückblickend in einen Zustand, der Hyperfokus genannt wird. Stunden existierten plötzlich nicht mehr. Ich vergaß zu essen und zu trinken. Ähnlich war es beim Schreiben meiner Autobiografie. Oder als ich die Stilllebenfotografie für mich entdeckte. Damals hatte ich mein Studio bereits in die Wohnung verlegt. Ich wachte morgens mit einer Idee auf und musste sie sofort umsetzen. Nicht später. Nicht am Nachmittag. Sofort. Es war, als würde etwas in mir sagen: Jetzt.

Heute verstehe ich besser, dass mein Nervensystem offenbar stark auf innere Reize reagiert. Gedanken erzeugen bei mir nicht nur Denken. Sie erzeugen Energie. Meine Impulsivität zeigte sich oft in spontanen Käufen, die sich im Moment vollkommen richtig anfühlten. Inzwischen gibt es kleine Routinen, die ich zuverlässig einhalte. Noch nüchtern nehme ich mein Schilddrüsenmedikament und messe meinen Blutzucker. Dass mir das gelingt, macht mich fast stolz. Denn Routinen waren und sind für mich nie selbstverständlich. Was allerdings oft nicht funktioniert: die Dinge, die meinem Körper guttun würden. Sport zum Beispiel.

Schreiben als Regulation

Ich hatte mir vorgenommen, morgens zuerst einige Übungen zu machen. Stattdessen setze ich mich häufig hin und beginne zu schreiben. Lange hielt ich das für ein Ausweichmanöver. Inzwischen glaube ich, dass dieses Schreiben für mich eine Form von Regulation geworden ist, denn im dialogischen Schreiben beginne ich zu verstehen, wie mein Denken funktioniert. Die Gedanken verlassen meinen Kopf und werden sichtbar. Das schafft Klarheit. Fast so, als würde sich das innere Durcheinander entflechten. Gleichzeitig merke ich aber auch, wie schmal der Grat ist. Denn Schreiben beruhigt mich – und kann mich zugleich in eine mentale Übererregung hineinziehen. Ein Gedanke führt zum nächsten. Eine Assoziation öffnet weitere Räume. Manchmal wird aus Klärung eine Art innerer Beschleunigung.

Da ich ja im Moment sehr intensiv auf mein bisheriges Leben zurückblicke, verstehe ich durch die Erkenntnisse im Zusammenhang mit ADHS, warum ich so viele angefangene Stoffprojekte im Schrank habe. Es handelt sich um Projekte, die ich begonnen habe, als ich in einer Depression steckte, vor über 20 Jahren war das. Heute ist es mir wichtig, diese zu beenden. Also setzte ich mich wieder an die Nähmaschine und dann öffnete sich erneut ein Erkenntnisraum: Ich kann schlecht unter normierendem Erwartungsdruck funktionieren. Wenn ich einfach mit dem Material sein kann und nähe, fühle ich mich wohl. Dann bin ich konzentriert, ruhig und ganz bei der Sache. Sobald ich beginne, mich an fremden Vorstellungen von Ordnung oder Produktivität zu orientieren, entsteht Druck. Vielleicht liegt genau dort ein entscheidender Unterschied: Kreativität nährt mich. Anpassung erschöpft mich.

Hausarbeit langweilt mich. Ordnung liebe ich.

Ordnung zu schaffen, ist mir wichtig, besonders in meinem fotografischen Archiv. Als ich endlich die richtige Software fand, entdeckte ich, dass ich durchaus Systeme entwickeln kann. Ich brauche offenbar nur ein System, in dem Gedanken, Bilder und Erinnerungen miteinander in Beziehung treten dürfen. Vielleicht geht es genau darum: einen Rhythmus zu finden zwischen Denken und Verkörperung. Zwischen Sprache und Körper. Zwischen innerer Bewegung und äußerer Bewegung.
Ich beginne langsam zu verstehen, dass mein Denken nicht gegen mich arbeitet. Aber mein Nervensystem braucht Bedingungen, unter denen dieses Denken nicht permanent über mich hinwegrollt.

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