Heute Morgen poppte die Meldung des Süddeutschen Magazins auf: „Eine Fotografie zeigt nie die Wahrheit. Keine neue Erkenntnis, sondern so alt wie die Fotografie, die gerade am 19. August 187 Jahre alt geworden ist. Dem amerikanischen Fotografen Richard Avedon wird diese Aussage zugeschrieben: „Alle Fotografien sind genau. Keine ist die Wahrheit.“ 
Dem stimme ich zu. Vielleicht habe ich deshalb schon vor vielen Jahren etwas weniger elegant gesagt: Es gibt ein Teil an jeder Kamera, das den Namen ‚Objektiv‘ trägt. Doch auch das ist nicht wirklich objektiv, denn es kann verschiedene Brennweiten haben, verschiedene Lichtstärken usw. Die Wahl der Brennweite verändert, wie wir das sehen, was vor unserer Kamera ist. Hinzu kommen unser Standort, der von uns gewählte Ausschnitt, der Zeitpunkt, die Lichtverhältnisse, Nähe und Distanz.

Jede Fotografie ist eine Entscheidung, die wir treffen, bevor wir auslösen.

Bei meiner sozialdokumentarischen Arbeit entschied ich, wohin ich meine Kamera richtete. Ich entschied, welchem Menschen ich folgte, welchen Augenblick ich festhielt und welchen nicht. Zwei Meter weiter hätte eine andere Fotografie entstehen können. Eine Sekunde später ebenfalls. Eine Fotografie kann deshalb niemals die ganze Wahrheit über eine Situation zeigen. Sie ist immer eine Interpretation dieser vorgefundenen Situation. Doch das wirklich Entscheidende ist: Vor der Kamera muss sich eine Situation abspielen. Da musste etwas gewesen sein. Ein Mensch, ein Event, ein Baum oder Gegenstand, etwas war da.

Susan Sontag schrieb 1977 in ihrem Buch „Über Fotografie“: Fotografien lieferten Belege. Eine Fotografie könne zwar verzerren, trotzdem gehe mit ihr die Annahme einher, dass etwas existiert habe, das dem entspreche, was auf ihr zu sehen ist. An anderer Stelle beschreibt sie die Fotografie als eine Spur des Wirklichen. Diesem „Wirklichen“ begegne ich täglich bei meiner aktuellen Archivarbeit. Denn um genau dieses Foto machen zu können, musste etwas dagewesen sein. Das Licht musste von einem Menschen, einem Gegenstand, einem Raum, oder einer Landschaft ausgehen oder reflektiert werden. Es musste durch ein Objektiv fallen und auf lichtempfindliches Material treffen. Das ist zunächst nichts anderes als ein physikalischer Vorgang. Er beweist nicht, dass die Fotografie die Wahrheit einer Situation zeigt. Aber er belegt, dass zwischen dem Foto und etwas in der wirklichen Welt eine Begegnung stattgefunden hat.

Wenn ich heute mein fotografisches Archiv erschließe, begegne ich diesen Situationen ein zweites Mal. Menschen haben irgendwann vor meiner Kamera gestanden. Frauen bei der Arbeit, auf Demonstrationen. Politikerinnen. Künstlerinnen. Familien. Kinder. Körper. Straßen. Räume. Situationen, die ich vorgefunden habe und in meinen Fotografien interpretiere. Und häufig existiert nicht nur eine einzelne Fotografie. Es gibt das Negativ. Den Film. Den Kontaktbogen. Weitere Aufnahmen davor und danach. Und es gibt mein eigenes Wissen darüber, warum ich dort war und was ich erlebt habe.
Seit ich mein Archiv systematisch erschließe, verstehe ich immer besser, wie wichtig diese Dinge sind. Eine einzelne Fotografie kann vieles zeigen, aber sie kann den Inhalt und ihren eigenen Zusammenhang nicht vollständig erzählen. Eine Fotografie enthält Informationen, aber sie erklärt sie nicht. Dafür braucht sie Kontext. Und genau deshalb ist Archivarbeit für mich inzwischen sehr viel mehr als Ordnen, Nummerieren und Beschriften. Ich stelle Beziehungen wieder her. Zwischen der Fotografie und dem Ereignis. Zwischen einzelnen Aufnahmen. Zwischen Menschen und Orten. Zwischen damals und heute. Heute können wir Bilder erzeugen, für deren Entstehung kein entsprechender Augenblick mehr stattgefunden haben muss. Vielleicht sieht das Bild irgendwann sogar genauso aus, wie wir uns eine historische Fotografie vorstellen. Und trotzdem: Diese Begegnung hat nie stattgefunden.

Das ist für mich die eigentliche Zäsur. Nicht analog gegen digital. Auch eine digitale Kamera registriert zunächst Licht, das aus der Welt auf einen Sensor trifft. Die entscheidende Grenze verläuft für mich inzwischen woanders: zwischen einer Fotografie, die eine Begegnung mit Wirklichkeit voraussetzt, und einem Bild, das eine solche Begegnung nur behaupten kann. Das macht die analoge Fotografie nicht automatisch wahr. Aber es verändert ihren Status. Vielleicht erschließe ich deshalb mein Archiv gerade zur richtigen Zeit.

Lange dachte ich, ich würde mein Archiv aufarbeiten, weil es endlich getan werden muss. Heute sehe ich darin etwas anderes. Je weiter ich mit der Erschließung komme, desto stärker wird die Verbindung zwischen meinen Fotografien und der Welt, aus der sie hervorgegangen sind. Mit jeder Information, die ich ergänze, kommt etwas zurück, das im einzelnen Foto nicht zu sehen ist: Ort, Zeitpunkt, Anlass, Menschen und manchmal das, was unmittelbar davor oder danach geschah. Gleichzeitig entdecke ich etwas, womit ich nicht gerechnet hatte: Fotografien, die zu vollkommen unterschiedlichen Zeiten und an verschiedenen Orten entstanden sind, können nebeneinander plötzlich einen neuen Zusammenhang bilden. Das irritiert mich noch immer – im besten Sinne. Denn damit entsteht zwischen den Fotografien etwas, das bei ihrer Entstehung noch gar nicht vorhanden war. Ich rekonstruiere also nicht nur Zusammenhänge. Ich entdecke, dass ich neue schaffen kann.

Archivarbeit ist faszinierend.

Weder das Negativ, noch ein Print allein erzählen eine Geschichte. Der Kontaktbogen allein auch nicht. Meine Erinnerung allein wäre ebenfalls nicht genug. Aber zusammen können diese unterschiedlichen Spuren ein Geflecht bilden, an dem sich Herkunft, Zusammenhang und Entstehung einer Fotografie überprüfen lassen. Je weiter ich mit der Erschließung komme, desto weniger sehe ich nur einzelne Fotografien. Hinter ihnen tauchen wieder die Situationen auf, aus denen sie entstanden sind. Gerade habe ich Prints, Negative und Diapositive von 1991 gefunden. Plötzlich weiß ich wieder: August 1991, Düsseldorf: Es nannte sich „Ladies Night„. Damals ungewöhnlich genug, nicht nur, dass es stattfand, sondern auch, dass ich es fotografierte. Das sind nicht mehr nur Fotografien von Frauen, die einem Männerstriptease zuschauen.

Ich wollte diese Geschichte damals verkaufen, denn damit verdiente ich meinen Lebensunterhalt: Ich fotografierte eine Geschichte und verkaufte das Nutzungsrecht dafür an Zeitungen oder Magazine. Doch keine Zeitung wollte meine Geschichte zur „Ladies Night“ drucken. Die Frauen im Publikum waren erkennbar, und ohne ihre Einwilligung wollte keine Redaktion das Risiko einer Veröffentlichung eingehen – Thema „Recht am eigenen Bild“. Die Redaktionen gingen  vermutlich davon aus, dass sich einzelne Frauen durch die Veröffentlichung bloßgestellt oder kompromittiert fühlen könnten. Ich habe damals nicht weiter nachgefragt und mich um die nächste Geschichte gekümmert. 

Diesen Ablauf siehst du den Fotografien nicht an. Aber sie gehört zu ihnen. Heute stelle ich mir die Frage: Warum galt es 1991 offenbar als heikel, Frauen öffentlich dabei zu zeigen, wie sie einem männlichen Striptease zusahen? Warum sollte eine identifizierbare Frau es als Bloßstellung empfinden, öffentlich als Besucherin einer Männerstriptease-Veranstaltung gezeigt zu werden? Warum sollte eine Frau sich dafür schämen müssen? Diese Frau war dort, um sich einen Männerstriptease anzusehen – und sie hatte offensichtlich Spaß daran. Damit wurde etwas öffentlich: das weiblicher Sexualität gesellschaftlich eher dem Privaten zugerechnet wurde. 
Im Februar 1991 berichtete die taz über eine „Erotic Lady’s Night“ in Berlin und bezeichnete sie als eine „erste erotische Abendgestaltung für Frauen, die Männer gerne mögen“. Der Text beschreibt die Veranstaltung ausdrücklich als Umkehrung einer bis dahin vertrauten Ordnung: Männer hatten bezahlt und Frauen angesehen; nun bezahlten Frauen, und schauten Männer an, die sich auszogen.
Ein Jahr später schrieb die ZEIT über männliche Stripper und verwendete sogar die bemerkenswerte Formulierung „Fort mit der weiblichen Selbstkontrolle!“. Frauen taten etwas, was Männern längst zugestanden wurde und zwar als anzüglich oder schmierig galt, doch ihre gesellschaftliche Rolle nicht grundsätzlich infrage stellte.

Und nun meine Fotos: Frauen schauen. Frauen amüsieren sich über und mit männlichen Körpern. Frauen sind nicht das Objekt, sondern die Betrachtenden. Doch das ist nicht die ganze Geschichte. Auf den ersten Blick scheinen sich die Rollen umzukehren. Je länger ich die Fotografien heute betrachte, desto weniger eindeutig erscheint mir diese Umkehr. Die Männer geben die Kontrolle keineswegs vollständig ab. Sie bestimmen den Ablauf der Inszenierung, und in einzelnen Situationen verbinden sie den Frauen sogar die Augen.

Die Frauen dürfen schauen – aber innerhalb eines von Männern gesetzten Spiels.

War das tatsächlich eine Umkehr der Machtverhältnisse? Oder nur eine zeitweilige Umkehr des Blicks? Die Männer stellten ihre Körper zur Schau, behielten aber zugleich die Kontrolle darüber, wie diese Situation inszeniert wurde.
Gerade diese Ambivalenz macht die Fotografien für mich heute interessant. Weibliches Begehren wurde sichtbar und durfte öffentlich werden. Doch es bewegte sich noch immer innerhalb eines Rahmens, den die Männer wesentlich mitbestimmten.
Die an diesem Abend anwesenden Frauen empfanden Vergnügen, das auf meinen Fotografien sichtbar ist. 1991 war das offenbar noch keineswegs gesellschaftlich neutral. Vielleicht erzählen die Fotografien deshalb heute nicht nur etwas über eine Ladies Night, sondern auch darüber, was Frauen damals öffentlich zeigen durften – und was besser privat bleiben sollte.
Diese Gedanken stecken nicht in den Prints, Negativen und Dias selbst. Sie entstehen erst aus der Verbindung meiner Fotografien mit meiner Erinnerung, ihrer damaligen Veröffentlichungsgeschichte und unserem heutigen Wissen über diese Zeit. Damit wird sogar die Tatsache, dass die Fotografien 1991 nicht veröffentlicht wurden, zu einer historischen Information meines Archivs.

Meine Fotografien von 1991 sind keine Wahrheit über diese Frauen. Sie sagen nicht, wer sie waren, was sie dachten, warum sie an diesem Abend dort waren oder wie sie selbst die Situation erlebt haben. Sie zeigen nur das, was ich in einem bestimmten Augenblick gesehen und fotografiert habe. Und trotzdem gibt es etwas, woran ich nicht zweifeln muss: Diese Frauen waren da. Diese Männer waren da. Dieser Abend hat stattgefunden. Für ein mit einer KI generiertes Bild muss dieser Augenblick niemals existiert haben.
Und genau deshalb erscheint mir mein Archiv heute in einem anderen Licht. Seine Fotografien sind Interpretationen. Sie sind Ausschnitte. Sie sind meine Entscheidungen und sie gehen auf Begegnungen zurück, die stattgefunden haben. Vielleicht wird gerade deshalb der Kontext, den ich heute zu diesen Fotografien wiederherstelle, immer wichtiger.

Richard Avedon hatte recht. Fotografien sind nicht die Wahrheit. Aber vielleicht müssen sie das auch gar nicht sein. Sie bewahren eine Spur davon, dass etwas in der Welt dagewesen ist. Mein Archiv besteht aus solchen Spuren. Und meine Arbeit heute besteht darin, sie lesbar zu halten.

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