Beim Sortieren meines Archivs entdecke ich im Augenblick immer wieder Fotografien, die sich nicht mehr ohne Weiteres dort einordnen lassen, wo sie seit Jahren oder Jahrzehnten gelegen haben. Ich nehme einen Abzug in die Hand, betrachte ihn, drehe ihn um, suche nach einer Beschriftung. Ich frage mich, wann und wo die Aufnahme entstanden ist, zu welcher Reportage sie gehört und in welchem Zusammenhang sie einmal veröffentlicht worden sein könnte.
Doch inzwischen stelle ich mir noch eine andere Frage:
Was zeigt dieses Foto tatsächlich?
Vor wenigen Tagen fiel mir auf, wie viele Kinder ich im Zusammenhang mit Demonstrationen und politischen Protesten fotografiert habe. Kinder auf den Schultern ihrer Eltern. Kinder zwischen Transparenten und erwachsenen Körpern. Kinder, die mitlaufen, beobachten oder selbst etwas in den Händen halten. Manche scheinen zu wissen, worum es geht. Andere sind einfach da – hineingenommen in eine Situation, deren Bedeutung sie vielleicht erst viel später verstehen werden.
Zunächst dachte ich an eine neue Kategorie: Kinder protestieren.
Doch dieser Begriff bedeutete mir zu viel. Er machte aus jeder Anwesenheit bereits eine bewusste politische Handlung. Aber weiß ich, ob diese Kinder selbst protestierten? Waren sie aus eigenem Willen dort? Verstanden sie die Forderungen der Erwachsenen? Oder waren sie mitgenommen worden, weil ihre Eltern an diesem Tag auf die Straße gingen und es niemanden gab, bei dem sie hätten bleiben können?
Also entstand eine andere Bezeichnung:
Kinder im Protest
Dieser kleine Wechsel der Worte verändert den Blick. „Kinder protestieren“ legt fest, was geschieht. „Kinder im Protest“ lässt offen, welche Rolle sie in dieser Situation einnehmen. Die Kinder befinden sich mitten in einem politischen Geschehen, ohne dass ich ihnen nachträglich eine eindeutige Haltung zuschreiben muss. Und doch sind sie nicht bloß Beiwerk.
Ihre Anwesenheit erzählt etwas über die Menschen, die damals protestierten. Über Familien, über Fürsorge, über politische Überzeugungen, die nicht an der Wohnungstür endeten. Vielleicht auch über die Hoffnung, dass die Welt, für die Erwachsene kämpften, einmal die Welt dieser Kinder sein würde.
Auf manchen Fotografien scheinen die Kinder geschützt. Auf anderen wirken sie erstaunlich selbstständig. Manchmal schauen sie neugierig, manchmal gelangweilt oder ernst. Und manchmal stehen sie mitten im Geschehen mit einer Selbstverständlichkeit, als gehöre politischer Protest ebenso zum Alltag wie der Schulweg oder das gemeinsame Abendessen.
Ich frage mich heute, ob ich diese Kinder damals überhaupt als eigene Bildgruppe wahrgenommen habe. Wahrscheinlich nicht. Ich fotografierte eine Demonstration, eine Friedensaktion, einen Arbeitskampf, eine Frauenversammlung. Die Kinder waren Teil dieser Ereignisse. Ich sah sie, sonst hätte ich sie nicht fotografiert. Aber ich erkannte noch nicht, dass sich durch mein gesamtes Werk hindurch eine eigene Spur bilden könnte.
Erst jetzt, beim Wiedersehen, treten sie aus den einzelnen Reportagen hervor und beginnen, miteinander zu sprechen.
Ein Kind aus der einen Demonstration begegnet einem Kind aus einer anderen Stadt und einem anderen Jahr. Zwischen den Fotografien entsteht eine Verbindung, die zum Zeitpunkt ihrer Aufnahme noch nicht sichtbar war. Das Archiv ordnet nicht nur Vergangenes. Es erzeugt neue Nachbarschaften. Es bringt Bilder zusammen, die jahrzehntelang voneinander getrennt lagen.
Das ist vielleicht eine der tiefsten Erfahrungen meiner gegenwärtigen Arbeit: Ein fotografisches Werk ist nicht abgeschlossen, nur weil die Fotografien längst aufgenommen wurden. Es verändert sich mit dem Blick, der später auf sie fällt. Ich beginne zu verstehen, dass ich beim Aufbau meines Werkverzeichnisses nicht lediglich erfasse, was einmal gewesen ist. Ich untersuche auch, welche Fragen in meinen Bildern verborgen liegen. Welche Menschen immer wieder auftauchen. Welche Beziehungen zwischen ihnen bestehen. Und was ich fotografiert habe, lange bevor ich selbst benennen konnte, weshalb es für mich wichtig war.
Die Kinder im Protest waren die ganze Zeit da. In den Schachteln, Mappen und Hüllen. Auf Kontaktbögen und einzelnen Abzügen. Eingebunden in Reportagen, deren politische oder historische Bedeutung bisher im Vordergrund stand. Jetzt treten sie hervor.
Noch weiß ich nicht, ob daraus eine eigene Serie entstehen wird. Vielleicht bleibt „Kinder im Protest“ zunächst eine Werkgruppe, eine Spur oder eine offene Sammlung. Ich möchte die Fotografien erst nebeneinanderlegen und sehen, was sie mir erzählen. Denn eine Serie entsteht für mich nicht dadurch, dass ich ihr einen Namen gebe. Sie muss sich in den Bildern selbst behaupten.
Aber etwas hat bereits begonnen.
Aus einer beiläufigen Beobachtung ist eine Frage geworden. Aus einzelnen Kindern in einzelnen Situationen wird langsam ein Zusammenhang. Und aus dem Ordnen meines Archivs wird erneut eine Begegnung mit meinem eigenen Blick.
Etwas muss da gewesen sein.
Lange bevor ich Worte dafür hatte.