Über Muttersein, Selbstwert und das Gewicht meiner Koordinaten
1993 begann ich eine fotografische Serie mit dem Titel: „Meine Selbsterfahrung ist im Wesentlichen die Erfahrung von Beziehungen, in die ich einbezogen bin.“
Damals war das eine künstlerische Setzung. Heute begreife ich, wie biografisch dieser Satz war.
Ich erfahre mich in Beziehungen.
Nicht isoliert. Nicht als abgeschlossenes Ich. Sondern im Gegenüber.
Es gibt Rollen im Leben, die wir ausfüllen. Und es gibt Rollen, die uns formen.
Als Frau.
Als Mutter.
Als Fotografin.
Diese Begriffe stehen nicht zufällig nebeneinander. Sie sind keine Tätigkeitsfelder, sondern Koordinaten meines inneren Raums.
Erst jetzt, in der Distanz, erkenne ich, wie sehr ich meinen Selbstwert an das Muttersein gebunden habe. Damals war mir das nicht bewusst. Ich lebte diese Rolle selbstverständlich – und maß meinen Wert stärker an ihr als an den anderen.
Frau. Mutter. Fotografin.
An der Reihenfolge ändert sich nichts. Doch ihr inneres Gleichgewicht war lange verschoben.
Nicht, weil ich meine Arbeit weniger geliebt hätte. Nicht, weil mein Frausein weniger bewusst gewesen wäre. Sondern weil Mutterschaft eine existenzielle Wucht besitzt. Ein Kind wächst im eigenen Körper. Diese Erfahrung ist leiblich, unumkehrbar, identitätsstiftend. Und in einer Gesellschaft, die Mutterschaft moralisch überhöht, entsteht beinahe unmerklich ein struktureller Spagat: Ich war alleinerziehend und freiberuflich.
Da war ein Beruf, den ich liebte – nicht nur als Erwerb, sondern als Ausdruck, Haltung, Lebensform. Und da war ein Kind, das ich ebenso liebte und für das ich da sein wollte. Es gab kein Modell, das beides gleichwertig hielt. Es gab Ideale.
Aus diesem Spannungsfeld entstand ein leises, dauerhaftes Schuldgefühl. Nicht dramatisch. Nicht laut. Aber wirksam. Wenn man über lange Zeit glaubt, einem Ideal nicht zu genügen, beginnt der Selbstwert zu erodieren.
Der strukturelle Widerspruch zwischen Mutterschaft und beruflicher Selbstverwirklichung erzeugt ein chronisches Schuldgefühl – und dieses Schuldgefühl untergräbt langfristig den Selbstwert.
Ich war keine schlechte Mutter.
Ich habe mein Bestes gegeben.
Ich habe aus Liebe gehandelt.
Und doch blieb diese Empfindung: Es könnte nicht reichen.
Heute erkenne ich die Kopplung.
Nicht aus Schwäche.
Nicht aus Abhängigkeit.
Sondern weil Mutterschaft leiblich, existenziell und gesellschaftlich aufgeladen ist – und weil ich ein relationaler Mensch bin.
Mein Selbstwert entsteht im Dialog. In Resonanz. Und Mutterschaft ist eine Beziehung von besonderer Dichte. So entstand ein Übergewicht. Nicht geplant. Nicht reflektiert. Sondern gewachsen.
Im Frausein durfte ich mich verändern. In der Fotografie durfte ich lernen, scheitern, weitergehen.
Im Muttersein hingegen lag ein stiller Maßstab.
Und die Fotografie?
Sie war niemals Beziehungsersatz. Sie ist ein eigener Erfahrungsraum – und zugleich Beziehung. Ein Dialog mit Welt, mit Menschen, mit meinem früheren und meinem heutigen Ich. Seit sechzig Jahren.
Sie forderte Entwicklung, nicht moralische Rechtfertigung. Das ist ein Unterschied.
Heute beginne ich zu verstehen:
Mein Selbstwert darf sich aus Beziehungen speisen. Aber keine einzelne Beziehung darf ihn allein tragen.
Ich entwerte das Muttersein nicht.
Ich relativiere es nicht.
Ich löse nur seine Monopolstellung.
Frau. Mutter. Fotografin.
Die Koordinaten bleiben. Aber ihr Gewicht verschiebt sich.
Vielleicht besteht Reife darin, die Koordinaten nicht zu verändern – sondern ihr Gewicht bewusst zu balancieren.