Ja, die Welt ist in einem Zustand, der sich nicht beschönigen lässt. Niemals hätte ich mir diese Entwicklung vorstellen können. Vieles ist aus dem Gleichgewicht geraten. Und ja, es gibt Momente, in denen ich mir wünsche, ich könnte einen Schalter umlegen. Das alles anhalten. Aussteigen. Einfach weglaufen.
Aber was bringt es mir, mich immer wieder in genau dieses Gefühl hineinzubegeben?
In diese Hoffnungslosigkeit, in dieses schwarze Loch? Bis es sich in mir festsetzt. Mich beschwert. Mich immer tiefer zieht in etwas, aus dem ich dann nicht mehr aufstehen kann.
Ständige Problemfokussierung erzeugt keine Klarheit. Sie erzeugt Gewöhnung. Sie trainiert Überforderung, bis sie sich wie Wahrheit anfühlt.
Ich verweigere mich dem.
Nicht, weil ich die Realität ausblende. Sondern weil ich entscheide, wie ich mich zu ihr in Beziehung setze. Ich will nicht ständig in ein schwarzes Loch starren. Nicht aus Gleichgültigkeit.
Sondern weil ich mit dieser geballten Hoffnungslosigkeit nichts mehr zu tun haben will.
Das bringt mir nichts.
Es verändert nichts.
Es muss einen anderen Weg geben.
Vor über einem Jahr habe ich entschieden, mich meinem fotografischen Archiv zuzuwenden. Ich wusste nicht, wohin mich das führen würde. Ich habe nicht geahnt, dass ich dabei beginne, mein gesamtes Leben anzuschauen. Jede Fotografie, die ich in die Hand nehme, legt eine weitere Schicht frei. Und mit jeder Schicht entstehen Erkenntnisse.
Heute kann ich sagen: Ich komme an.
Ich werde endlich die, die ich bin. Ein Freund nannte das „Innenschau“. Ich habe gezögert bei diesem Wort. Denn es klingt nach Rückzug. Für mich ist es etwas anderes. Ich ziehe ein Resümee.
Nicht als Mangel, sondern als Methode.
Ein genaues Hinsehen.
Und ich erkenne mich.
So hoffe ich wenigstens.
76 Jahre sind keine abstrakte Zahl.
Das hat Folgen. Mein Körper meldet sich. An vielen Stellen. Und ich übernehme die Verantwortung dafür. Weil ich ihn noch brauche. Und weil ich ihm dankbar bin. Für das, was er bis heute geleistet hat. Ich möchte, dass etwas bleibt. Dass sichtbar wird: Ich war hier.
Ich kann die Welt nicht verändern. Auch wenn ich das einmal geglaubt habe. Als ich jung war, bin ich auf Demonstrationen gegangen. Habe sie fotografiert. Heute weiß ich: Ich kann entscheiden, wie ich in dieser Welt stehe.
Ich entscheide mich für eine Aufmerksamkeit, die nicht nur auf das Dunkle gerichtet ist. Für eine Bewegung nach innen, die keine Flucht ist, sondern Erkenntnis. Ich erkenne meine Realität an.
Mein Alter.
Meinen Körper.
Die Begrenzung meiner Zeit.
Und genau daraus entsteht meine Form von Zuversicht. Nicht als Gefühl. Sondern als Ergebnis eines Prozesses.
Ich arbeite mit dem, was da ist.
Mit meinem Leben.
Meinem Werk.
Meinem Blick.
Und ich bringe es in eine Form, die über mich hinausweist. Vielleicht ist das keine große Geste.
Aber es ist eine klare.
Und sie trägt.