Seit gestern zieht sich mein Magen zusammen.
Nicht wegen einer Infektion.
Nicht wegen eines verdorbenen Essens.
Sondern wegen Wissen.

Ich lese über die sogenannten „Epstein-Files“, über die Netzwerke rund um Jeffrey Epstein, über Machtzirkel, Kontakte, Verbindungen – und darüber, wie junge Körper zur Verfügungsmasse wurden. Ich lese Namen, Funktionen, Positionen. Und während mein Kopf versucht, Informationen einzuordnen, reagiert mein Körper längst.

Übelkeit. Druck. Verkrampfung.

Als hätte mein Organismus verstanden, bevor ich es intellektuell greifen kann:
Hier geht es nicht um einen Skandal.
Hier geht es um ein System.

Es ist nicht das Einzelverbrechen

Ja, es gibt Täter.
Ja, es gab Prozesse, Verurteilungen – etwa die von Ghislaine Maxwell.
Und ja, es gibt andere Fälle, die mich schon früher erschüttert haben, wie den Prozess um Dominique Pelicot.

Doch was mich krank macht, ist nicht nur das Verbrechen selbst.
Es ist die Struktur dahinter.

Macht schützt sich.
Geld vernetzt sich.
Einfluss deckt zu.

Und irgendwo darin stehen Körper – meist weibliche, meist junge –, die nicht als Menschen gesehen werden, sondern als verfügbare Oberfläche.

Das ist keine Entgleisung einzelner.
Das ist ein Muster.

Mein Körper weiß, was mein Kopf noch sortiert

Ekel sitzt im Bauch.
Ohnmacht auch.
Und Wut.

Es ist eine besondere Form von Schmerz, wenn Sexualität – etwas zutiefst Menschliches – zur Waffe wird. Wenn Nähe, Vertrauen, vielleicht sogar Bewunderung ausgenutzt werden. Wenn Macht sich nicht nur politisch oder wirtschaftlich zeigt, sondern direkt im Zugriff auf Körper.

Mein Körper reagiert darauf wie auf eine Vergiftung.
Als müsste er etwas Abstoßendes abwehren.

Warum es mich als Fotografin trifft

Ich habe mein Leben damit verbracht, Menschen zu fotografieren. Vor allem Frauen.

Körper in Würde.
Körper in Arbeit.
Körper in Krankheit.
Körper als Subjekte ihrer eigenen Geschichte.

Mein Blick war immer ein Versuch von Beziehung, nicht von Zugriff.
Ein Raum, in dem jemand erscheinen darf, ohne benutzt zu werden.

Und nun lese ich von Systemen, in denen Körper genau das sind: benutzt.
Nicht gesehen, sondern verbraucht.
Nicht begegnet, sondern verwertet.

Das ist der Zusammenprall, der mich so erschüttert:

Ein Blick, der würdigt –
gegenüber einem Blick, der nimmt.

Vielleicht war meine fotografische Arbeit immer auch ein stiller Gegenentwurf zu genau solchen Strukturen. Ein Beharren darauf, dass ein Körper kein Objekt ist. Kein Tauschwert. Kein Spielmaterial für Macht.

Öffentlichkeit als spätes Erwachen

Was mich zusätzlich verstört: wie lange solche Systeme existieren können, bevor wirklich hingesehen wird. Wie viel Gerücht, wie viel Andeutung, wie viel Schweigen im Raum steht, bevor etwas ans Licht kommt.
Es scheint, als müsste das Unfassbare erst eine gewisse Größe erreichen, bevor es glaubwürdig wird. Als wäre das Maß des Grauens selbst eine Eintrittskarte in die Realität.

Das ist vielleicht das Bitterste:
Nicht nur das Verbrechen.
Sondern das kollektive Wegsehen davor.

Vielleicht schreibe ich diesen Text nicht, um etwas zu erklären.
Sondern um nicht stumm zu bleiben vor dem, was mein Körper längst weiß.
Schreiben ist momentan meine Art, das Gift nicht in mir zirkulieren zu lassen. Es auszusprechen, es in Sprache zu überführen, damit es mich nicht nur als Krampf, Druck, Schmerz besetzt.

Ich kann diese Strukturen nicht stoppen.
Aber ich kann mich positionieren.

Vielleicht ist meine Arbeit immer auch ein Gegenvorschlag gewesen.

Ein Blick, der nicht nimmt.
Ein Bildraum, in dem ein Körper nicht benutzt wird.
Eine Begegnung, in der Würde wichtiger ist als Wirkung.

Angesichts dessen, was ich gerade lese, erscheint mir das nicht klein.
Sondern notwendig.

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