Beobachtungen während der Archivarbeit
In den letzten Tagen ist mir etwas aufgefallen, das mich mehr erschreckt hat als jede formale Frage rund um Archiv, Ordnung oder Werkverzeichnis. Es ist kein äußerer Mangel, den ich entdeckt habe, sondern ein inneres Muster: die Selbstverständlichkeit, mit der ich meine eigene Kompetenz relativiere. Ich habe mich dabei ertappt, zu denken, ich müsse mich weiterbilden, ich brauche ein Gegenüber, ich könne das allein nicht. Und das Erschreckende daran ist nicht der Wunsch nach Austausch oder Resonanz – der ist legitim –, sondern die stillschweigende Annahme, dass meine eigene Erfahrung nicht ausreicht.
Dabei spreche ich über ein Archiv, das aus über sechzig Jahren fotografischer Praxis entstanden ist. Über Entscheidungen, die ich selbst getroffen habe. Über Serien, die ich aufgebaut, weitergeführt, verworfen oder bewahrt habe. Über einen Blick, der sich über Jahrzehnte hinweg eingeschrieben hat. Und trotzdem war da dieser Gedanke: Das muss jemand anders einordnen. Ich frage mich, woher diese Einschätzung kommt. Vielleicht aus einem beruflichen Feld, in dem Einordnung und Deutung oft ausgelagert werden. Fotograf:innen produzieren, andere schreiben die Geschichte. Vielleicht aus einer weiblichen Sozialisation, in der Selbstgewissheit schnell als Anmaßung gelesen wird. Vielleicht auch aus einer großen Ernsthaftigkeit heraus – aus dem Gefühl, dass dieses Archiv zu wichtig ist, um ihm allein zu trauen.
Was mich jedoch irritiert: In der konkreten Arbeit zeigt sich etwas anderes. Ich erkenne Zusammenhänge. Ich sehe Linien. Ich staune darüber, wie konsequent meine Entscheidungen waren, lange bevor ich sie benennen konnte. Ich erlebe mein Archiv nicht als chaotisch oder überfordernd, sondern als überraschend klar, sobald ich beginne, es im Zusammenhang zu lesen.
Das wirft eine unbequeme Frage auf: Warum traue ich mir selbst weniger zu, als meine Arbeit längst zeigt?
Vielleicht ist Selbstentmächtigung kein lauter Akt, sondern ein leiser. Kein Scheitern, sondern ein Gewohnheitsmuster. Eine innere Bewegung, bei der Verantwortung nach außen verschoben wird – nicht aus Unfähigkeit, sondern aus Vorsicht, aus Anpassung, aus gelerntem Zweifel. Mir wird zunehmend klar, dass der Wunsch nach einem Gegenüber nicht falsch ist. Falsch wird er erst dort, wo er zur Voraussetzung wird. Wo ich mir selbst die Rolle der Instanz abspreche, statt bewusst zu entscheiden, wen ich einlade, mitzudenken. Die Arbeit am Archiv hat mir in den letzten Tagen etwas zurückgegeben, das ich offenbar stellenweise verloren hatte: Vertrauen in meine eigene Urteilskraft. Nicht als Selbstüberschätzung, sondern als Anerkennung dessen, was sich über Jahrzehnte aufgebaut hat. Erfahrung ist nicht laut. Sie legitimiert sich nicht selbst. Aber sie ist da.
Vielleicht ist das Erschrecken, das ich gerade empfinde, kein Alarmzeichen, sondern ein Übergang. Der Moment, in dem mir bewusst wird, wie tief bestimmte Zweifel sitzen – und dass sie nicht zwingend wahr sind. Dass ich lernen muss, meine eigene Autorität nicht mehr automatisch zu relativieren.
Ich arbeite weiter am Archiv. Still. Konzentriert. Ohne es anzupreisen. Und ich beginne zu verstehen, dass diese Arbeit nicht nur Ordnung schafft, sondern auch etwas anderes: Sie verschiebt den Ort, von dem aus ich spreche.