Notizen über ein Umschalten innerer Regeln

Je länger ich mich damit beschäftige, desto mehr denke ich: Ankommen ist keine Belohnung.
Es ist eine Zumutung.

Eine Zumutung, sich nicht mehr über Ziele zu definieren.
Eine Zumutung, sich selbst auszuhalten, ohne Projektionsfläche.
Eine Zumutung, weiterzugehen, obwohl niemand mehr ruft: Komm hier entlang.

Vielleicht ist das der Moment, in dem das eigene Maß wichtiger wird als jede äußere Orientierung.
Und vielleicht erklärt das auch meine innere Gegenwehr.
Das Trotzige.
Das fast Unreife.

Es ist, als würde ein Teil von mir sagen: Wenn es wirklich gilt, will ich es ausprobieren. Ohne Sicherung.

Ich schreibe das nicht aus Klarheit.
Sondern aus Beobachtung.

Ich schaue mir selbst dabei zu, wie ich mich in diesem Zustand bewege.
Wie ich zögere.
Wie ich mich vergreife.
Wie ich wieder innehalte.
Und ich versuche, nicht sofort daraus eine Haltung zu machen.

Vielleicht ist „Angekommensein“ kein Punkt.
Vielleicht ist es ein Zustand, den man nicht betritt, sondern aushält.
Und ich stehe darin.
Nicht verloren.
Aber auch nicht geführt.
Bewusst.
Und suchend.
Es gab keinen Moment, in dem ich dachte: Jetzt ist es geschafft.
Keinen Stolz, keinen Triumph, kein inneres Aufatmen.

Eher ein leises Nachlassen von etwas, das ich lange mit mir getragen habe, ohne es ständig zu bemerken.
Eine Spannung vielleicht. Oder eine Art innerer Auftrag.
Ich merkte es daran, dass ich nicht mehr suchte.
Nicht nach Bestätigung.
Nicht nach Anschluss.
Nicht nach einem nächsten Beweis. Und genau das machte mich misstrauisch.

Ich hatte erwartet, dass Ankommen sich stabil anfühlt. Wie fester Boden unter den Füßen.
Wie ein Satz, der endlich stimmt. Aber so ist es nicht. 
Es fühlt sich eher an wie ein Wegfall.
Als hätte jemand eine innere Konstruktion gelöst,
die mich lange gehalten – und gleichzeitig geführt – hat.

Plötzlich war da weniger Druck.
Aber auch weniger Richtung.
Was mich besonders irritiert: Dieses Angekommensein verlangt nichts von mir.
Es sagt nicht: Jetzt ruh dich aus.
Es sagt auch nicht: Jetzt mach weiter.
Es ist einfach da.
Und genau das ist ungewohnt.

Ich habe so lange aus Notwendigkeit gearbeitet. Aus Dringlichkeit.
Aus dem Gefühl heraus, etwas halten, bewahren, sichtbar machen zu müssen.
Jetzt ist dieses Müssen leiser geworden.
Nicht verschwunden.
Aber nicht mehr antreibend. Und ich merke, wie sehr ich daran gewöhnt war, mich an inneren Aufgaben festzuhalten.
Seitdem dieses Gefühl da ist, reagiere ich anders.
Ich treffe Entscheidungen, die sich nicht sofort „richtig“ anfühlen.

Und zum ersten Mal denke ich nicht automatisch: Das darf nicht passieren. 
Stattdessen taucht eine andere Frage auf, vorsichtig, fast zaghaft: Und wenn das dazugehört? 
Vielleicht ist das Angekommensein kein Zustand der Kontrolle, sondern einer, in dem Kontrolle nicht mehr alles zusammenhält.
Ich bin mir meiner selbst bewusster – und gleichzeitig unsicherer.
Vielleicht gibt es in diesem Zustand kein „Richtig“.
Nicht als Lösung.
Sondern als Konsequenz.

Das ist vielleicht der irritierendste Teil.
Ich weiß sehr genau, wer ich bin.
Und ich weiß gleichzeitig weniger denn je, wie ich handeln soll – nicht, weil mir Maßstäbe fehlen, sondern weil die Maßstäbe, an denen ich mich lange orientiert habe, still geworden sind.

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