Sehen ist kein passiver Vorgang

Seit einigen Tagen beschäftigt mich die Frage, warum ich beim Fotografieren immer wieder gegen etwas arbeite, das ich zunächst gar nicht benennen konnte.

Eigentlich tue ich doch nichts Besonderes. Ich hebe eine Kamera. Ich schaue. Ich entscheide mich für einen Moment. Ich drücke den Auslöser. Mehr nicht. Und trotzdem habe ich immer wieder den Eindruck, dass genau in diesem Vorgang etwas geschieht, das weit über Technik hinausgeht.
Fotografie wird oft als technischer Vorgang beschrieben: Licht trifft auf Material. Ein Knopf wird gedrückt. Ein Foto entsteht. Doch ein Blick ist nie unschuldig. Wer entscheidet, was gesehen wird, entscheidet immer auch mit darüber, welche Wirklichkeit sichtbar wird – das ist Macht.
Vielleicht beginnt Fotografie deshalb gar nicht mit der Kamera, sondern mit dem Blick.

Jahrhundertelang wurde der Blick auf Frauen überwiegend von Männern geprägt. Frauen wurden fotografiert, gemalt und beschrieben. Sie waren Gegenstand des Blicks.

Als Fotografin verweigere ich mich dieser Tradition. Meine Kamera richtet sich nicht auf Frauen als Objekte des Begehrens oder der Betrachtung, sondern auf Frauen als handelnde Subjekte ihres eigenen Lebens. Genau darin liegt mein Widerstand.

Weil ich Frauen nicht auf ihr Aussehen, ihre Schönheit oder ihre Funktion reduziere.

Und ich sage: „Ich habe entschieden, dass es Bedeutung hat.“ Meine Kritiker sagen:
„Du interpretierst zu viel.“
„Das bildest du dir ein.“
„Sei nicht so empfindlich.“
„Das ist nicht objektiv.“

Objektivität war immer eine Behauptung derer, die sich den Luxus leisten konnten, ihre Sicht zur Norm zu erklären. Ich nehme mir das Recht, meiner Wahrnehmung zu vertrauen – ohne um Erlaubnis zu fragen – und sagt: „Mein Blick ist gültig.“ Nicht bewiesen, nicht genehmigt, nur gültig.

Widerstand beginnt nicht mit Lautstärke, Widerstand beginnt mit Wahrnehmung, in dem Moment, in dem du nicht mehr wegschiebst, nicht mehr beschwichtigst, nicht mehr kleinmachst, was du siehst und fühlst. Fotografie hält auch fest was unbequem ist, was zu selten gesagt oder beachtet wird. Sie bewahrt Spuren. Sie arbeitet gegen das Verschwinden an. Jede Fotografie sagt: „Etwas hat stattgefunden. Und ich war dort.“ Manchmal reicht: „Ich sehe.“  Und, ist dieser Satz nicht nur eine Beobachtung, sondern schon Besitznahme?
Nicht: „Man sieht.“
Nicht: „Es wurde gesehen.“ Sondern: „Ich.“ 

Epilog

In einer Welt, die Frauen zu Bildern macht, ist jede Frau, die anders hinsieht, eine Störung der Ordnung. Mein Fotografieren widerspricht einem Blick, der Frauen auf das reduziert, was andere in ihnen sehen wollen. Es zeigt Frauen als Menschen mit einer eigenen Geschichte, einer eigenen Würde und einer eigenen Gegenwart.

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