Februar 2022

Leben ist das, was passiert, während wir es planen. Ich muss Termine abgesagt und verschieben. Denn ich muss Entscheidung treffen. Da die Suche nach einem neuen Studio, in dem ich als Fotografin arbeiten kann, erfolglos ist, gefällt mir die Idee ein Studio in meiner Wohnung einzurichten immer besser.
Das bedeutet jedoch: Ich muss ein Zimmer komplett leer räumen und ich muss Zimmer tauschen. Das alles in der Wohnung, in der ich wohne. Also muss ich entscheiden, mich von der Mehrzahl meiner Bücher zu trennen. Ich habe sie fast alle zu einem anderen Zeitpunkt schon mal gelesen und als Dekostücke im Regal brauche ich sie nicht. Somit fange ich an zu sortieren und was passiert, ich erinnere mich an die Zeit, in der ich genau dieses oder jenes Buch gelesen habe.

Sonntag

Bin ausgeruht wach geworden und habe mir zum Frühstück ein paar Bildbände aus dem Regal genommen, um mich inspirieren zu lassen. Es ist einfach wunderbar, was ich mir da alles zugelegt habe, an Bildbänden meine ich.
Beim Lesen der Texte in diesen Büchern werde ich daran erinnert, welche Bedeutung das fotografische Portrait hatte, gleich von Anbeginn der Fotografie an.

Montag

Hatte ich doch gerade noch gedacht, das graue Wetter sei nicht mehr zu toppen, da höre ich schon beim Aufwachen den Regen gegen die Fensterscheibe prasseln – es gibt also doch noch eine Steigerung dieses miesen Wetters im Januar 2022.

Dienstag

Corona. Am Morgen habe ich mich erst mal testen lassen, sicher ist sicher dachte ich mir. Ich war „negativ“ dann machte ich mich bei andauerndem Nieselregen auf den Weg nach Wülfrath, um Beate zu treffen.

Nach der Schule wollte sie eigentlich Töpferin werden, begann jedoch eine Ausbildung zur Friseurin, was sie bald hinschmiss, es war einfach nicht ihr Ding. Beim Arbeitsamt wurde ihr empfohlen, was »Soziales« zu machen. Sie wurde Erzieherin und bildete sich nebenberuflich zur Heilpädagogin weiter – alles als Angestellte der Diakonie Aprath in der sie sich sehr gefördert fühlt.
Sie ist verheiratet und hat einen Sohn. Kai wurde als Baby und Kleinkind oft operiert und benötigte eine intensive Betreuung. Heute geht es ihm gut. Für Beate ist das Glas immer halb voll, so sagt sie. Ja, fügt sie hinzu, mein Leben ist ganz schön aufregend. Ohne Frage, das scheint so zu sein.

Sie spielt Saxofon in einer Band, schon seit 10 Jahren. Ihr Mann spielt in dieser Band Gitarre. Dann bildhauert Beate und präsentiert mir einig ihrer Arbeiten – wunderschön und beeindruckend.

1. Februar 2022

Das Erste, was sie mich fragte, als sie mir die Tür zu ihrem Reihenhaus öffnet, ist, ob ich Problem mit ihrem Hund hätte. Was? Ich? Problem mit ihrem 2-jährigen Marlo, einem schwarzen FLAT-DOODLE. Nein, habe ich nicht. Es war tatsächlich ganz einfach für mich Marlo zu kraulen, denn ich weiß doch noch, wo Hundes es gerne haben.

Beate wird in diesem Jahr 58 Jahre alt, ist in Wülfrath geboren, hat 7 Geschwister – ihre Eltern haben sich eben sehr geliebt – ist verheiratet und hat einen Sohn. Zurzeit ist sie als ambulante Familientherapeutin unterwegs und angestellt bei der Diakonie Aprath, einem der größten Arbeitgeber in Wülfrath. Beate erzählt mir von ihrem Lebensweg, der, wie immer bei Frauen, so mein Eindruck, nicht schnurgerade verlaufen ist.

Vor 2 Jahren, als sie nach der überstandenen Krebserkrankung wieder arbeiten wollte, doch dies aufgrund von Corona nicht so einfach möglich war, hat sie bei sich zu Hause damit begonnen, Schutzkittel zu entwerfen und zu nähen, für die KollegInnen in der Diakonie. Als es wieder möglich war, die KollegInnen persönlich zu treffen, wurden ihr verschieden Aufgabenbereiche zugeteilt, die sie forderten und zufriedenstellten. Die Diakonie Aprath ist für sie auch ein Stück Heimat geworden, sagt sie. Sie arbeitet sehr gerne und privat macht sie nur Dinge, die ihr auch wirklich Spaß machen. Eine Konsequenz, die sie als Erfahrung aus ihrer Krebserkrankung gewonnen hat. Dazu gehören neben dem Saxofon spielen und der Bildhauerei auch lange Spaziergänge mit ihrem Hund, den sie sich nach der Krebserkrankung genau deswegen angeschafft hat. Für sie war das die beste Entscheidung ihres Lebens, sagt sie, obwohl ihr Mann nicht gleich mit dieser Idee einverstanden gewesen ist.

Ich verlasse sie, wie bisher jede Frau, die ich in Wülfrath getroffen habe, tief beeindruckt von ihrer Lebensfreude und Energie und fahre zu meiner nächsten Verabredung.

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