Steichens Absicht war es, einerseits die Universalität der menschlichen Erfahrung und Emotionen zu zeigen, andererseits aber auch die enorme Fähigkeit der Fotografie, diese Gemeinsamkeiten erfahrbar zu machen und einem breiten Publikum zu kommunizieren.
Ich konnte mich der emotionalisierenden Kraft dieser Bilderflut nicht entziehen. Den Vorwurf, einem „sentimentalen Humanismus“ verfallen zu sein, hat mich jedoch getroffen und motiviert ein wenig nachzuforschen. Plötzlich fühlte ich mich wieder wie zu Zeiten meines Studiums und es hat mir gefallen. Der erste und am meisten beachtete Kritiker den ich gefunden habe war Roland Barthes, dessen Kritik dann von Susan Sontag übernommen wurde.

Mythen des Alltags

von Roland Barthes

Roland Barthes’ »Mythen des Alltags« sind längst selbst zum Mythos geworden. In seinen provokativ-spielerischen Gesellschaftsstudien entschlüsselt er Phänomene wie das Glücksversprechen der Waschmittelwerbung, das Sehnsuchtspotential von Pommes frites und die göttlichen Qualitäten des Citroën DS. Seine radikale Hinterfragung des Alltäglichen ist bis heute von bestechender Aktualität

Die große Familie der Menschen

In Paris wurde eine große Photoausstellung eröffnet, deren Ziel es ist, die Universalität menschlicher Gesten im Alltag sämtlicher Länder der Welt zu zeigen: Geburt, Tod, Arbeit, Wissen, Spiel fordern überall das gleiche Verhalten; es gibt eine Familie des Menschen. So wird das, was auf den ersten Blick als zoologische Klassifizierung gelten mochte, die einfach die Ähnlichkeit von Verhaltensweisen festhält, die Einheit einer Spezies also, bei uns ausgiebig moralisiert und sentimental aufgeladen. Damit sind wir sofort auf den doppeldeutigen Mythos der menschlichen »Gemeinschaft« verwiesen, von dessen Alibi ein beträchtlicher Teil unseres Humanismus zehrt. Dieser Mythos wirkt in zwei Phasen: Zunächst bekräftigt man die morphologischen Unterschiede der Menschen, übersteigert den Exotismus, zeigt die unendlichen Variationen der Art, die Unterschiedlichkeit der Hautfarben, Schädelformen und Gebräuche; man erzeugt mutwillig eine babylonische Verworrenheit des Bildes der Welt. Und dann destilliert man aus dieser Vielfalt auf magische Weise wieder eine Einheit: Der Mensch wird geboren, arbeitet, lacht und stirbt überall auf die gleiche Weise. Sollte in seinem Tun immer noch ein Rest ethnischer Besonderheit übriggeblieben sein, so liegt dem, wie man uns wenigstens zu verstehen gibt, eine allen Menschen identische »Natur« zugrunde; ihre Unterschiedlichkeit ist nur formell und widerspricht nicht der Existenz einer gemeinsamen Matrix…. Die spiritualistische Absicht wird von den Zitaten betont, die jedem Themenkreis der Ausstellung beigegeben sind. Diese Zitate sind oft »primitive« Sprichwörter oder Verse aus dem Alten Testament. Sie verkünden sämtlich eine ewige Weisheit, eine Ordnung von Behauptungen, denen alle Geschichte entwichen ist: »Die Erde ist eine Mutter, die niemals vergeht«,… Inhalt und ästhetischer Eindruck der Bilder, der rechtfertigende Diskurs, alles zielt hier darauf, das bestimmende Gewicht der Geschichte zu unterdrücken.

Das Essay von Roland Barthes findet sich auch hier und es lohnt sich.
Sentimental und übermoralisch! Nun ja, das muss ich dann erst mal verdauen.

 

Susan Sontag bezieht sich in ihrem Buch „Über Fotografie“, im Original „On Photography“, das 1977 erschienen ist, auf den Text von Roland Barthes. Sie schreibt:

Seit den zwanziger Jahren sind ehrgeizige Berufsfotografen, deren Arbeiten den Weg in die Museen finden, immer mehr von poetischen Motiven abgekommen und haben sich ganz bewusst an unscheinbaren, kitschigen, ja sogar faden Sujets versucht. In den letzten Jahrzehnten ist es der Fotografie gelungen, unser aller Vorstellung von dem, was schön und was hässlich ist, einigermaßen zu revidieren – und zwar im Sinne der Thesen Whitmans.

Der letzte Nachhall von Whitmans erotischer Umarmung der ganzen Nation, jetzt allerdings auf die ganze Welt bezogen und jedes genaueren Anspruchs entkleidet, war in der Ausstellung Family of Man zu spüren, die 1955 von Edward Steichen, dem Zeitgenossen von Stieglitz und Mitbegründer der Foto-Sezession, zusammengestellt wurde. Fünfhundertdrei Aufnahmen von zweihundertdreiundsiebzig Fotografen aus achtundsechzig Ländern sollten einem gemeinsamen Zweck dienen, nämlich beweisen, daß die Menschheit »eins ist und daß alle Menschen, ungeachtet ihrer Schwächen und Niederträchtigkeiten, anziehende Geschöpfe sind. Die fotografierten Personen repräsentierten alle Rassen, Altersstufen, Gesellschaftsschichten und Erscheinungstypen. Viele hatten ungewöhnlich schöne Körper, manche schöne Gesichter. Hatte Whitman seine Leser gedrängt, sich mit ihm und mit Amerika zu identifizieren, so wollte Steichen mit seiner Ausstellung jedem Betrachter die Möglichkeit bieten, sich mit vielen der fotografierten Personen, vielleicht sogar mit allen, zu identifizieren: Bürger der Welt sie alle.“

 

Ich hatte an Anke Reitz geschrieben, der zuständigen Kuratorin der Ausstellung im Chateau de Clervaux, in Luxemburg und eine umfangreiche Antwort inkl.  Literaturhinweise erhalten.
In den letzten Jahren gab es wissenschaftliche Arbeiten, die sich mit der Kritik an der Ausstellung befasste und sie auseinandernahmen und auch neue Kritikansätze – puh, das Ganze ist ziemlich komplex. Dieses Buch ist wohl, das aktuellste, was ich finden konnte.

Auch das fand ich interessant:
Studienarbeit aus dem Jahr 2006 im Fachbereich Museumswissenschaft, Museologie, Note: 1,0, Universität Lüneburg, Veranstaltung: The Family of Man: Fotografie als Weltsprache?

Abstract: Edward Steichen, der bereits auf eine langjährige Erfahrung als Kunstfotograf im piktoria-listischen Stil, mit engster Beziehung zur Gruppe um Alfred Stieglitz, der Photo-Secession, zurückblickte, kam während des Ersten Weltkriegs als Fotograf für Luftaufklärung nicht nur mit der straight photography, die ein künstlerisches Anliegen zugunsten einer darstellerischen Genauigkeit in den Hintergrund stellte, sondern auch mit dem Grauen des Krieges in Kontakt. Nach einer Tätigkeit als Cheffotograf der Modepublikationen Vanity Fair und Vogue des Condé Nast Verlags und freischaffender Fotograf, kam Steichen im Zweiten Weltkrieg als Direktor der amerikanischen Naval Combat Photography Abteilung erneut selbst mit dem Krieg in Berührung. Parallel zu dieser Tätigkeit organisierte er bereits die Ausstellungen Road to Victory und Power in Pacific im Museum of Modern Art (MoMA) in New York. Auf Geheiß des Direktors des MoMA, Alfred Barr, übernahm Steichen 1947 die Leitung der Fotografie Abteilung von seinem Vorgänger Beaumont Newhall, der gleichzeitig ihr erster Direktor war.
Bis 1969 machte Steichen, “[…] der große Organisator und Promoter der Fotografie der 50er Jahre […]” , die Abteilung durch sein weitgehendes Engagement zu einem “[…] Olymp der zeitgenössischen Fotografie” . Er kurarierte vierundvierzig Ausstellungen , von denen er selbst die Ausstellung The Family of Man aus dem Jahre 1955 als Höhepunkt seiner Karriere bezeichnete . Die Themenausstellung wurde demnach auch als “[…] Steichens unbestrittenes Meisterwerk” gefeiert und ein weltweites Millionenpublikum machte aus ihr “[…] die erfolgreichste Ausstellung aller Zeiten” . Doch neben diesen Lobeshymnen, die sich unendlich fortführen ließen, wurden dagegen insbesondere in den 60er Jahren auch negative Stimmen laut, die sich in besonderem Maße gegen die durch die Fotoschau vertretene Ideologie wie auch die dafür verwendete Rhetorik richteten.

Vielleicht bin ich nur eine alte, sentimentale, weiße Frau?

The Family of Man ist die meistgesehene Ausstellung in der Geschichte der Fotografie. Das Buch der Ausstellung, das immer noch im Druck ist, ist auch das kommerziell erfolgreichste Fotobuch, das jemals veröffentlicht wurde.

In den letzten Jahren gab es wissenschaftliche Arbeiten, die sich mit der schon genannten Kritik befasste und sie auseinandernahmen und auch neue Kritikansätze, das Ganze ist ziemlich komplex und nicht immer leiht zu verdauen. Die Kritiken beziehen sich auf die nicht vorhandene Diversity und auf GenderProblematiken. Ich halte diese Kritik für berechtigt, lasse aber nicht den zeitlichen Kontext außer acht, in dem Steichen diese Ausstellung konzipiert hat.

Nur die USA verfügten in den 1950er Jahren über die Ressourcen, so ein umfangreiches Projekt zu realisieren.
Die Ausstellung, sie wurde u.a. von Coca-Cola und den Rockefellers gesponsert, zeigt eine amerikanische Sicht auf die westliche Welt im Kalten Krieg. Der religiös gefärbte Humanismus und die patriarchale Kleinfamilie war Teil der offiziellen USamerikanischen Kultur. Sekula wirft Steichen vor, durch die Abwesenheit farbiger Gesichter von Migranten die „Anderen“ unsichtbar zu machen.
Stimmt, in der Ausstellung fehlen Fotografien von gelebter Demokratie, von Protestaktionen gegen Krieg und soziale Ungerechtigkeiten. Auf alles was hätte „politisch“ sein können wurde verzichtet. Die Absicht, dass sich ein nicht amerikanisches Publikum mit diesem sehr amerikanischen Weltbild identifiziert, ist offensichtlich. Also nur pure Propaganda?

Wie Whitman sah Stieglitz keinen Widerspruch darin, die Kunst zum Werkzeug der Identifikation mit der Gemeinschaft zu machen und gleichzeitig den Künstler als ein heroisches, romantisches, sich selbst zum Ausdruck bringendes Ich zu verherrlichen (Susan Sontag). In seinem hochgestochenen, brillanten Essayband Port of New York (1924) pries Paul Rosenfeld Stieglitz als einen der großen Bejaher des Lebens (Susan Sontag). 

Bei Sekula finde ich die vernichtende Kritik, Steichens Bilderflut hat das regressive Versprechen eines “ozeanischen Gefühls” enthalten, das den Tod des politischen Subjekts im Warenkonsum einer post ödipalen Gesellschaft bedeutet.

Für mich stellt sich nicht die Frage, ob diese Ausstellung eingestampft werden muss, weil sie eine Sicht auf die Welt zeigt, die in 2022 nicht mehr richtig scheint. Ich finde das Konzept der Ausstellung großartig und beeindruckend und Steichens Absicht als erfolgreich:
einerseits die Universalität der menschlichen Erfahrung und Emotionen zu zeigen, andererseits aber auch die enorme Fähigkeit der Fotografie, diese Gemeinsamkeiten erfahrbar zu machen und einem breiten Publikum zu kommunizieren.

Selbstverständlich muss die, wie ich finde, begründete Kritik an den Inhalten benannt werden – doch eben auch die Faszination dessen, was Fotografie in der Lage ist zu transportieren.

Wenn es einem Tarantino erlaubt ist, in einer Pressekonferenz in Deutschland die Arbeit einer Leni Riefenstahl zu feiern, dann hat diese Ausstellung erst recht ihre Berechtigung.

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