Ein Evans“, sage ich vielleicht angesichts einer alten Tankstelle irgendwo in Amerikas tiefem Süden. “Ein Becher“, wenn ich im Ruhrgebiet an einem Förderturm oder einem Gasometer vorbeifährt, und wenn im grellen Sonnenschein das Ketchup auf den Pommes frites landet, denke ich an Martin Parr.

(c) Walker Evans

(c) Bernd & Hilla Becher

Mir gehen die Massen von Fotografien ohne jeglichen persönlichen Stil, die im Netz und auf Homepages zu finden sind, schlicht und einfach immer mehr auf den Keks.

(c) Hank ONeal NYC 1979

Lebendige Fotografie lässt Neues entstehen, sie zerstört niemals. Sie verkündet die Würde des Menschen. Lebendige Fotografie ist bereits positiv in ihren Anfängen, sie singt ein Loblied auf das Leben.

Berenice Abbot

Fotografin, 17. Juli 1898 – 9. Dezember 1991

Was ist ein fotografischer Stil?
Stil bezeichnet eine „charakteristisch ausgeprägte Erscheinungsform”.
Bisher bin ich davon ausgegangen, dass jeder Fotografierende seine Fotografien mit einer typischen charakterlichen Ausprägung versieht und sich darum bemüht, seinen Arbeiten eine hohe Wiedererkennbarkeit oder vielleicht sogar ein Alleinstellungsmerkmal zu verpassen.
Doch offensichtlich ist dies immer weniger der Fall.
Heutzutage bietet die Fotografie jedem Amateur die Möglichkeit, ohne großes technisches Wissen (dank Automatikfunktionen), Abbildungen der “Realität” zu machen. Automatische Belichtungsmessungen inkl. Motivprogrammen lassen Bilder zu, die technisch betrachtet durchaus druckreif sind. Diese Bildqualität hat ein Niveau erreicht, von dem Amateure der 70er und 80er Jahre nur geträumt haben und Anfänger orientiert sich meist an den Bildern die sie sehen. Genau hier liegt m. E. eine Ursache für das Fehlen des eigenen Stils, d.h. die Technik dominiert und man orientiert sich zu leicht an den Bildern anderer Fotografierender, weil man glaubt, dass wäre es, was die “Kunden” sehen wollen. So entsteht eine Inflation der immer gleichen, inhaltsleeren Fotografien.

Die Tatsache, dass eine (im konventionellen Sinn) technisch fehlerhafte Fotografie gefühlsmäßig wirksamer sein kann als ein technisch fehlerloses Bild, wird auf jene schockierend wirken, die naiv genug sind, zu glauben, dass technische Perfektion den wahren Wert eines Fotos ausmacht.

Andreas Feininger

Fotograf, * 27. Dezember 1906 in Paris; † 18. Februar 1999 in New York

“The Photojournalist”, showing the photojournalist Dennis Stock, may be Feininger’s best-known photograph; he took it for Life in 1951.

Fehlt es den Fotografierenden an Erfahrungen oder Werten, haben sie keine Einstellung, keinen Standpunkt zu dem was sie da machen? Fehlt schlicht der Mut seinen Fotografien die eigene charackteristische Ausprägung zu geben. Oder was? Fragen die Fotografierenden sich manchmal:

 

  • Was sind meine Werte, was treibt mich an im Leben?
  • Was ist mir wichtig, wofür kämpfen ich?
  • Gibt es einen roten Faden in meinem Tun?
  • Welche Botschaft möchte ich vermitteln?

Fotografien haben für mich die Aufgabe Gefühle zu vermitteln. Gefühle verbinden wir mit Ereignissen, daraus entstehen unsere Erinnerung.
Wir leben in einer mediengesteuerten Kultur, in der die Gefahr besteht, dass an die Stelle des eigenen Erlebens, das durch Bilder vermittelte Erlebnis tritt. Ist das wirklich so?
Ich muss nicht wirklich selber erleben wie schrecklich ein Tsunamie oder ein Krieg ist!
Nein!
Mir reichen sehr oft die Bilder zur Information, denn auch sie lösen Gefühle aus, machen betroffen.
Es waren die Fotografien eines Capa‘s oder Cartier-Bresson, die mich tief beeindruckt haben und Gefühle auslösten, u.a. eine tiefe Abneigung gegen Krieg und Gewalt. Diese beiden Fotografen hatten auf jeden Fall eine Einstellung zu dem, was sie erlebten und fotografierten, und ihre Fotos haben eine sehr hohe Wiedererkennbarkeit, also haben die beiden einen eigenen fotografischen Stil.

© Cartier-Bresson

© Robert Capa

(c) Diane Arbus

 

Diane Arbus  – 14. März – 26. Juli 1971 –  z.B. steht für teils einfühlsame, teils schonungslosen Porträts von Exzentrikern und Randfiguren der Gesellschaft. In ihrem Werk stellte sie vorurteilsfrei die Grenzen von Normalität und Ästhetik der Gesellschaft in Frage. Fotografien von Diane Arbus sind immer zu erkennen, denn sie hatte einen eignen Stil.

Wie haben die Fotografinnen und Fotografen es geschafft ihren eignen fotografischen Stil zu entwicklen?

Auf der Suche nach einer Antwort beginne ich mit Fotografen und Fotografinnen, deren Arbeit – kein Zufall – der Bildjournalismus war. Der Bildjournalismus war auch meine erste Leidenschaft, als ich mit der Fotografie anfing. Die von mir geschätzen bildjournalistischen Arbeiten sind orignär einzigartig, weil sie alle die subjektive Sicht des Fotografierenden wiedergeben, also die Welt auf eine ganz persönliche Weise interpretieren, denn genau darum geht es in der Fotografie: Eine subjektve Interpretation der Welt!

Ensteht ein eigener Stil bewußt oder unbewußt?
Wer kann das genau sagen?
Heute, als Portraitfotografin, will ich nicht jeden Tag das Rad neu erfinden, weil das nicht geht, darum lasse ich mich gerne durch die Arbeit anderer Fotografinnen und Fotografen inspirieren.
Diese Inspiration fliesst ebenso in meine fotografische Arbeit ein wie andere Aspekte meiner Persönlichkeit: Mein Geschmack, meine Menschenkenntnis, meine Empathie, meine subjektive Sicht, auf die mich umgebende Welt.
Auch, wenn ich um meinen eigenen, unverwechselbaren Stil bemüht bin, gibt es in meinen Arbeiten stilistische Anleihen, das lässt sich wohl nicht vermeiden. Ich bin darum bemüht in meinen Fotografien, eine hohe Wiedererkennbarkeit und vielleicht sogar ein Alleinstellungsmerkmal  zu entwicklen, ob es mir gelingt müssen Andere beurteilen.

Ich bin sicher, je reflektierter eine Persönlichkeit ist, um so bewusster werden ihre Lebensumstände in ihre fotografische Arbeit einfließen. Die gewählten Themen werden gezielt ausgewählt und entsprechend der eigenen Sichtweise und Erfahrungen umgesetzt. Bei mir scheint es eher so, dass die unbewußte Verarbeitung von (Lebens-)Themen die Grundlage meines Stils bilden.
Die Entscheidung als Portraitfotografin zu arbeiten, in einem eigenn Fotostudio, war selbstverständlich eine bewusste Entscheidung von mir. Doch, wie ich den Menschen vor meiner Kamera sehe, ist immer eine subjektiv intuitive.

Es ist ebensowenig ein Zufall, dass der Fotograf Fotograf wird, wie es ein Zufall ist, dass ein Löwenbändiger Löwenbändiger wird.

Dorothea Lange

Fotografin, 26. Mai 1895 – 11. Oktober 1965

Rondale Partridge for Farm Security Administration / Office of War Information / Office of Emergency Management / Resettlement Administration

Ellen Auerbach
20. Mai 1906 – 30. Juli 2004
© Andreas Pohlmann

© Ellen Auerbach

Hier noch einmal alle Namen, der von mir genannten Fotografinnen und Fotografen, es lohnt sich mehr über sie zu erfahren:

  • Berenice Abbot
  • Diane Arbus
  • Ellen Auerbach
  • Richard Avedon
  • Hilla & Bernd Becher
  • Sibylle Bergemann
  • Margaret Bourke-White
  • Henri Cartier-Bresson
  • Robert Capa
  • Andreas Feininger
  • Lee Friedländer
  • Dorothea Lange
  • Martin Parr
  • Walker Evans
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